Kolumne

Gesicherte Ersatzteilversorgung - ein Märchen, das immer wieder auf`s neue erzählt wird

Jeder Hersteller bzw. Vertreiber eines Basisfahrzeuges erzählt dem Interessenten die Story mit der problemlosen Ersatzteilversorgung. Leider ist dies nur ein schönes Märchen, die Realität sieht anders aus. Die Kunden hören natürlich gerne beruhigende Aussagen und schalten deshalb den für Kritik zuständigen Bereich im Gehirn ab oder sind so unerfahren im Reisen, dass sie automatisch die Verhältnisse in Europa auf die Pampa übertragen.

Einige Beispiele zum Nachdenken:

  • Ein chinesischer Jeep hat bei uns auf der Autobahn einen Motorschaden. Der Besitzer kann doch schon froh sein, wenn hier einer seine Marke kennt. Ersatzteile für seinen Motor bekommt er hier bestimmt nicht, er muss sie eben aus China einfliegen lassen - und das dauert. Drehen Sie`s um, hinterm Himalaya links, haben Sie einen Motorschaden mit ihrem Unimog!!! Glauben Sie`s mir, der Uni ist dort mindestens so ein Exote wie der chinesische Jeep bei uns!
     
  • Ein Lada hat in den weiten Russlands einen Getriebeschaden! Obwohl wir im eigenen Herstellungsland sind, gibts keine Ersatzteile, da die Infrastruktur nicht stimmt. Was bleibt - einen anderen Lada auszuschlachten - und den muss man in der Pampa erst finden! Sollte ich sogar einen neuen Lada haben, nützt mir der alte nichts da vielleicht die Teile mittlerweile geändert wurden.
     
  • Ein Toyota hat ein Motorproblem in Libyen - kein Problem? Oh doch, mein neuer HZJ75 hat vielleicht keinen einzigen Bruder dieses Baumusters in Libyen! Das Embargo lässt grüssen. Oder glauben Sie vielleicht dass es in Libyen schon einen HZJ79 gibt? Und wenn doch? - die Ersatzteilversorgung auf der Düne 15 im Erg Ubari ist wirklich hervorragend?
    So manche der Wissenden werden jetzt aufschreien und sagen ich weiss was - Libyen hat die Toyo`s in grosser Zahl eingeführt. Richtig - aber das sind mittlerweile alte Ruinen und nicht mehr aktuelle Baumuster. Natürlich tun Sie sich in Libyen um ein vielfaches leichter als im Rest Zentralafrikas - dort gibt`s wirklich nichts.
    Der gutgläubige Interessent denkt natürlich auch, dass ein HZJ75 in europäischer Ausführung das gleiche ist wie in der Afrika-Ausführung, aber: Batteriespannung, Sperren, Tanks usw. usw. unterscheiden sich grundlegend - nur der Name ist der gleiche und beruhigt den Unwissenden.
    Die Story mit dem Militär war auch nichts, die haben keine 4,2l Diesel sondern 4,5l Benziner. Ausserdem haben die natürlich ihre eigenen technischen Spezifikationen und die passen nun mal nicht zu Ihrem Patienten. Auch die australische Version hat nun mal massive Unterschiede zur europäischen Version.
    Die Ersatzteilversorgung in Deutschland ist übrigens gut, gehen Sie zum nächsten Toyo-Händler und wenn er nicht zu faul ist, dann sucht er Ihnen die Nummer raus und bestellt ganz normal. Innerhalb von zwei Tagen sind die Teile meistens da. Wenn nicht, dann dauert es meistens ein paar Wochen, bis der nächste Dampfer die Teile aus Japan bringt. Auch mit der Garantie gibt es bei uns keine Probleme!
     
  • Sind Sie vielleicht so naiv zu glauben, mit Ihrem Landrover wäre es besser? Der neueste Landy im Land ist vielleicht schon einige Jahre alt und hat mit Ihrer neuen Kiste nur den Namen gemeinsam. Wenn Ihr Landy 30 Jahre alt ist, dann haben Sie Chancen, Teile von einer Schlachtkiste zu kriegen. Es nützt auch nichts, dass man bei Landrover die gleiche Zuverlässigkeit wie vor 30 Jahren im Automobilbau nutzt - die Teile und Modelle wurden zwischenzeitlich geändert! Sollten Sie mit Ihrem nostalgischen Schrauberstück nicht doch lieber zu Hause bleiben? Gibt es Ihnen nicht zu denken, dass sogar in Deutschland die Ersatzteilversorgung ein grösseres Problem ist? Ganze Firmen leben davon, Ersatzteile in England zu holen und hier auf den Markt zu bringen! Eine Schande und das mitten in der üppigsten Zivilisation!
    Aber hinter dem Busch 3216 in Afrika da erwarten Sie natürlich, dass das nächste Kamel das benötigte Getriebe in zwei Stunden vorbeibringt!
     
  • Auch an Ihrem Mercedes-G haben Sie Ihre helle Freude. Kaum ein Mensch fährt dieses Ding in Afrika - vielleicht liegt es nicht nur am Preis ?
    Ersatzteile wo? Warten Sie auf den nächsten UNO-Hilfseinsatz, dann klappt`s auch beim G (wenn Ihrer neu ist)! Wollten Sie mit Ihrer Spende eigentlich Mercedes oder den Menschen vor Ort helfen?
     
  • Als Fahrer eines Unimog sind Sie aber fein raus? Die Militärs haben die Dinger ja überall! Aber leider passt nichts, die haben eben Militärausführungen die meistens zu nichts passen. Oder ist Ihre Kommunalversion kompatibel mit der Raketenwerfer-Version? - Wenn ja dann seid ihr `ne verdammt kriegerische Gemeinde!
    Na ja, das Lenkrad können Sie bestimmt bedenkenlos verwenden - die Achse Ihres 6-Tonners ist bestimmt mit der 12-t Ausführung identisch? Denn dann hätten Sie ja auch einen 12-Tonner!
    Aus eigener leidvoller Erfahrung muss ich Ihnen natürlich sagen, es gibt eine spezielle Unimog-Hotline, bei der Sie Ihre Sorgen loswerden können. Die Leute sind alle sehr höflich, gut geschult und haben auch Verständnis für Ihr Problem.
     
    Ein Tip: Erzählen Sie Ihre Probleme mit dem Uni doch dem nächsten Friseur, da passiert dann auch nichts und Sie müssen sich nicht so ärgern.
     
    Ich hab mein Glück zweimal probiert, die blitzschnelle Reaktion war schon nach zwei Wochen da, aber nur, weil ich einige Oberhäuptlinge "rund" gemacht hatte, und mit Veröffentlichung in der Presse gedroht habe. (Sie meinten ich sollte das doch nicht tun!)
    Ein Bürokratenhaufen erster Klasse, bei dem Service und schnelle Hilfe unbekannt sind - aber freundlich sind sie und das Produkt hebt sich natürlich preislich massiv von den Mitbewerbern ab!
     
  • Die Verbreitung des Bucher-Duros ist vermutlich gleich mit der des australischen Okas und wiederum identisch mit den Schneestürmen bei uns im August.

Kopf hoch - und sehen Sie der Realität ins Auge - dort wo Sie hinfahren - und das ist meistens weit draussen im Nichts - dort haben und kriegen Sie nichts. Ich will hier mit den Beispielen gar nicht auf einzelne Hersteller losgehen, denn die Probleme sind so ziemlich für alle die gleichen.

Was tun? Nehmen Sie gleich ein Fahrzeug das zuverlässig ist und nehmen Sie Material zum Improvisieren mit. Und wenn`s trotzdem passiert? - dann muss halt einer mit dem Begleitfahrzeug versuchen Hilfe und Teile aufzutreiben und die dann von irgendwoher einfliegen lassen.

Dabei sieht die Lage für den Bremach gar nicht schlecht aus - die Ersatzteilversorgung für Motor und Getriebe wird von Iveco übernommen und die haben ein weltweites Händlernetz für ihre LKWs. Sie befinden sich also logistisch in guter Gesellschaft wie z.B. bei Mercedes, MAN, usw.!

Ein Tip: Sehen Sie zu, dass Sie zu Ihrer Stammwerkstatt einen guten Draht haben, sprechen Sie mit denen darüber, wo Sie hin wollen und wer Ihnen bei Problemen helfen kann - eventuell die Handy-Nr. von einem Meister, den Sie dann fragen können und der den Ersatzteilversand organisiert. Das gilt übrigens für alle Fahrzeuge, denn als Faustregel gilt: je grösser der Laden, desto höher die Preise, desto mieser der Service!

Und wenn Sie jetzt noch Illusionen haben, dann träumen Sie weiter vom Ersatzteil um die nächste Ecke speziell für Ihr Auto. Wenn Ihr Traum Wirklichkeit wäre, müsste die Erde vermutlich 50 cm hoch mit Ersatzteilen für die in den letzten 40 Jahre gebauten Fahrzeuge/Versionen/Baujahren bedeckt sein und Sie müssten sich nur bücken. 

Mit freundlichem Spott!
Euer Willy

... mit freundlicher Erlaubnis von Willy Enzinger (www.dustdevil.de )


Gedanken zur Ersatzteilversorgung
Datum:   25.11.2004
Autor:   Willy
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