Rund ums Expeditionsmobil Seite 1 von 4

"Links oder rechts?" Nach Norden oder nach Süden?“ Gernot und Nicole standen am anderen Ende der Welt vor der banalsten und zugleich schwierigsten aller Fragen: Wohin? - „Lass uns Knobeln!“ Hände formten die seit Kindertagen vertrauten Symbole für Brunnen, Schere, Stein, … dann war die Entscheidung gefallen. Gernot trat das Kupplungspedal durch, legte den Gang ein. Ein Zittern erfasste den Bremach, die Räder mit den Matschprofilreifen begannen sich zu drehen und nahmen den ersten Meter in Angriff. Rund 24 Millionen sollten in den nächsten Wochen und Monaten folgen ...

Mit ihrem Eintreffen in Perth waren sie am Ziel ihrer Träume angekommen, lebten tatsächlich eine seit langem herangereifte Idee. Bereits im zarten Alter von 18 Jahren hatte Nicole davon geträumt, mit einer Freundin mehrere Monate in Australien zu verbringen. Von Gernots Existenz ahnte sie noch nichts. Dass viele Jahre vergehen sollten, bis dieser Wunsch – wenn auch unter ganz anderen Vorzeichen - tatsächlich in Erfüllung gehen sollte, hätte sie nie für möglich gehalten.

Seit sechs Jahren waren die beiden nun ein Paar und hatten bereits einige gemeinsame Reisen in diverser Herren Länder unternommen. Unter anderem auch nach Australien. Die Anziehungskraft eines fernen Landes zu beschreiben fällt schwer, schnell werden Begriffe wie „magisch“ oder „faszinierend“ bemüht; die dem Außenstehenden nicht weiterhelfen, nichts wirklich erklären. Da man etwas benennen soll, das man eigentlich erst kennen lernen möchte, ist es ohnehin müßig und auch scheinbar nüchterne Fakten wie niedrige Kriminalitätsrate, medizinische Versorgung, die keine Rolle spielende Sprachbarriere, Vielfalt der Natur etc., beschreiben bestenfalls einzelne Argumente „pro“, nicht jedoch den Magnetismus als solchen. Auch nicht den zwischenmenschlichen.

Unsere Reise kann beginnenSomit war pures Fernweh nur eines von mehreren Motiven für die Reise ans andere Ende der Welt. Einmal gründlich aus dem Alltag ausbrechen, eine gewisse Zeit lang „selbstbestimmt“ leben und anschließend mit veränderten Wertvorstellungen und Ansprüchen zurückkehren, war ein weiterer Reiz, aber eben auch nur ein weiterer. Letzen Endes traten sie die Reise zum „finis terrae“ an, um bei sich selbst anzukommen.

Ihr Umfeld reagierte zurückhaltend auf die Ankündigung, Europa und dem Vertrauten den Rücken zuzukehren, um ein halbes Jahr lang in „Down under“ einzutauchen. Zwar sind Fernreisen als solche längst nicht mehr ungewöhnlich. Irgendwo hinzufliegen, um zwei, drei, vier Wochen fern der Heimat seinen Urlaub zu verbringen, gehört inzwischen zum Berufsleben wie die tägliche Mittagspause. Nur hat man anschließend zurückzukehren, sich nahtlos wieder in den Alltag einzufügen und darf – je nachdem, wie intensiv man mit dem Gastgeberland in Berührung kam – eine absehbare Zeit lang von der Erinnerung zehren. Das Vorhaben von Gernot und Nicole ging jedoch weit darüber hinaus, hatte eine andere Dimension und brach mit den unausgesprochenen Regeln, die für berufstätige Westeuropäer zu gelten scheinen.

Besagtes Umfeld konnte anfangs gelassen abwarten, denn nicht wenige träumen laut davon, einmal alles hinter sich zu lassen, um per pedes die Wüste Gobi zu durchqueren, den Amazonas von der Mündung bis zur Quelle zu erkunden, oder eben ein Jahr im australischen „Outback“ unterzutauchen. Und wie viele setzen ihre Träume in die Tat um? Kaum jemand! – Nicole und Gernot taten es.

Je konkreter die Reisevorbereitungen wurden, umso mehr wurde aus Gelassenheit Anspannung. Die anfangs ungläubigen, später eher ängstlichen Bedenken der Familienangehörigen galten vor allem der räumlichen und zeitlichen Distanz: „Ob wir uns jemals wieder sehen?“ Bei den Arbeitskollegen ging es um Irritationen ganz anderer Art. „Normalerweise“, so Gernot im Nachhinein, „arbeitet man im Berufsleben darauf hin, unabkömmlich, unersetzbar zu werden. Wenn Du so eine Reise vorbereitest, arbeitest Du bewusst am Gegenteil: Du musst abkömmlich werden, die Dinge müssen auch ohne Dich weitergehen“. – Das stellte die Grundeinstellung vieler in Frage, bereitete den Kollegen Kopfzerbrechen.

Im Gegensatz zu Gernot wäre Nicole zu einem weitaus radikaleren Schritt bereit gewesen: Alles versilbern was nicht unbedingt nötig ist und ohne Rückfahrkarte auf zu neuen Ufern! Für Gernot sollte es jedoch keine Reise ohne Wiederkehr werden und so musste die Rückkehr noch vor der Abreise organisiert werden. „Unbezahlter Urlaub“ lautete das Zauberwort und zwar für die Dauer eines Jahres. – Im Rückblick eine der schwierigsten Hürden, die es zu nehmen galt. Hatte Nicole es leichter? Die Selbstständige konnte ihre beruflichen Aktivitäten einstellen, aber was käme danach?

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Links oder rechts? Algerien, unser erstes Offroaderlebnis
Datum:   16.06.2006
Autor:   Gernot & Nicole
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