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06. Reisebericht: Peru und Ecuador - von Gerhard Rötzer
20.05.2004 - 21:52

An alle interessierten Freunde,

Nach sieben Monaten und 25.000 km, davon ca 25% Schotter, habe ich fast das nördliche Ende von Südamerika erreicht. Die gewaltigen Eindrücke habe ich versucht in den Berichten zu beschreiben. Kolumbien musste ich leider umgehen. Das Land ist außer Kontrolle, Kfz-Versicherungen werden nicht angeboten und zu allen Überfluss ist die PanAmerikana nach Panama unterbrochen. Der logistische Aufwand für die Verschiffung des Toyotas incl. Zoll und Drogenüberprüfung war nervig und teuer. Gute Freunde haben mir geholfen, die diversen Hürden zu überwinden.

Sicherheit ist immer eine Frage des Empfindens, ein Thema, das in allen Reiseführern viel zu breit ausgetreten wird. In Südamerika gibt es ein klares Süd- Nordgefälle. Das Übernachten an nahezu beliebigen Plätzen ist in Argentinien, Chile und Bolivien kein Problem. In Peru, nach Erreichen der Küste, hat sich das Bild geändert. Die Armut und die übermächtige Präsenz der korrupten Polizei hat das Bedürfnis nach vermeintlicher Sicherheit in Hotels oder auf Tankstellen stark gefördert. Wichtig ist die gut verschließbare und mit Sicherheitsglas versehene Wohnkabine sowie die Standplatzauswahl vor Einbruch der Dunkelheit. Abgesehen vom Versuch, mein Mountainbike zu klauen, habe ich alles glimpflich überstanden.

Die Reiseroute:

Nach dem Grenzübergang von Bolivien nach Peru am 15.03 ist die erste größere Stadt Puna am Titikaka See. In unmittelbarer Nähe sind die Grabtürme von Sillusani. Über den 4.500m hohen Paß Abra La Raya weiter nach Cusco und Urubamba im heiligen Urubamba Tal zu den Inkas. In nordöstlicher Richtung über die Anden zum Stein von Saywite. Nach einem kurzem Abstecher zum Pass Abra Yanaquilca Höhe 4.477 m, Süd 14 Grad 22.887, West 73 Grad 03.750. Von 4.000 m auf 700 m über die Wasserscheide nach Nasca zu den berühmten Linien. Kurz in den Süden nach Puerto Inka und dann endgültig in den Norden nach Lima, Trujillo, Lambajeque mit dem Grab des ’Senor von Sipan’ an die Grenze nach Ecuador. Die Hauptstandorte hier waren die Hafenstädte Guayaquil und Manta. Am 15.04 wurde der Toyota in einen Container nach Panama Port verladen. Ich bin am 18.04. nach Panama City geflogen. Mittlerweile habe ich Zentralamerika von Panama nach Mexico durchquert. Aber zunächst zum versprochenen Bericht übe Peru und Ecuador.


Peru, riesig groß mit reicher Vergangenheit und armer Gegenwart

 

Bevölkerung

Fläche

... pro qkm

 

Peru

25.662

496.224

52

 

 

Deutschland

82.017

137.735

595

 

Ecuador

11.937

109.483

109

... riesig groß

Peru hat, im Gegensatz zu Bolivien, einen den Anden vorgelagerten Küstenstreifen von ca. 2.000 km Länge und einer Breite von bis zu 200 km.

Dieses Gebiet hat ausgesprochenen Wüstencharakter. Auf dem Kiesboden haben sich bis zu 100 m hohe Sanddünen gebildet; von fast weiß über ocker bis kaffeebraun und grün. Steilküsten wechseln sich ab mit unendlich langen und menschenleeren Sandstränden. Durch den kalten Humboldtstrom an der Pazifikküste und der heißen Luft über der Wüste ist es immer leicht nebelig, diesig. 48 immer wasserführende Flüsse unterbrechen das Einerlei der Wüste. In diesen Flussoasen wird insbesondere von Chinesen Reis und Zuckerrohr angebaut. Dazwischen werden unglaublich viele Hühnerfarmen betrieben. Das Auge ist darüber beleidigt.

In Lima und Umgebung, wo es nie regnet und Wasser Handelsware ist, leben etwa 8 mio Menschen und hoffen, meist vergeblich, auf Arbeit. Der Zuzug ist nach wie vor ungebrochen. Die Geschäfte werden in den Vororten abgewickelt, meist von Chinesen, das Zentrum ist ein im Verfall befindliches Museum; ein Sanierungsfall.

Das Altiplano mit einer Durchschnittshöhe von 4.000 m Höhe zieht sich auf einer Breite von ca. 500 km durch das ganz Land. Hier finden sich die berühmten 6000er wie Huascuran und Alpamayo. Reißende Nebenflüsse des Aamazonas, z.B. der Rio Apurimac, haben über die Zeit tiefe Täler ausgeschwemmt. Es ist immer windig, kalt, feucht und nie über 15 Grad warm. Gerade noch ausreichend für spärlichen Grasbewuchs. Hier leben die Indios am Existenzminimum in Steinhütten mit Gras oder schon besser mit Wellblech gedeckt.

Das Fleisch der Lamas und die Wolle der Vicunias und Alpacas ist die einzige Einnahmequelle. Gemüse und Früchte können in dieser Höhe nicht mehr angebaut werden, es ist zu kalt. Die Höhe beansprucht Mensch und Maschine. So bringt der Toyota nur noch eine Höchstgeschwindigkeit von 60 kmh.

Auf dieser Hochfläche hat der Amazonas sein Quellgebiet. Das dazugehörige Amazonasbecken am Ostabfall der Anden auf 200 m gehört zum großen Teil zu Peru. Dieses Gebiet, etwa die doppelte Größe Deutschlands, ist infrastrukturell unerschlossen. Die wenigen Menschen, die dort leben, sind in der Regel auf den Einbaum angewiesen. Mangels Verkehrsmittel und wegen hoher Malariaansteckungsgefahr, ist das Reisen beschwerlich.

... mit reicher Vergangenheit

Vor der Epoche der Inkas gab es eine ganze Reihe von Hochkulturen. Stellvertretend drei Beispiele, die ich besucht habe.

Das Volk von Sipan, einstmals in der Nordwestecke von Peru beheimatet. Vor 20 Jahren wurde das Grab des ’Senor von Sipan’ in einer riesigen Pyramide aus Adobe Ziegeln entdeckt. Das Grab war unberührt alle Beigaben noch vorhanden: Kleidung mit aufwendigen Stickereien, Insignien aus Gold und Saphir, der Verteidigungsminister, ein Wächter, die Frau.... Alles perfekt im wohl schönsten Museums Südamerikas in Lambayeque präsentiert.

Die Nascalinien in der Nähe des gleichnamigen Ortes sind immer noch voller Rätsel. Das ganze Ausmaß kann nur aus der Luft mit einem kleinen Flugzeug erfasst werden. Auf einem ebenen Wüstenabschnitt sind Linien bis zu einem km lang, Figuren wie Kolibri, Kondor, Eidechse und Eulenmann bis zu 100 m groß, eingearbeitet. Entstanden ist das Ganze wohl in einer der vielen präkolumbianischen Kulturen. Dr. Maria Reiche aus Berlin hat sich 40 Jahre lang für die Erforschung und Erhaltung dieser Zeichnungen eingesetzt.

Die Grabtürme von Sillusani. In der Nähe von Puna, wurden von den Kollas in der Periode vor den Inkas errichtet. Diese Türme stehen auf einer Anhöhe umgeben von vielen kleinen Seen. In edler Steinmetzarbeit wurden die einzelnen Quader gefügt. Die Türme sind 12 m hoch und haben an der Basis einen Durchmesser von ca 5 m. Nach oben kragen sie etwa einen m aus und sind durch ein Fries abgeschlossen.

... mit armer Gegenwart

Peru ist isoliert. Es unterhält nach Chile einen Grenzübergang, nach Bolivien zwei, nach Brasilien null, nach Kolumbien null. Nach Ecuador im Norden zwei. Diese Übergänge werden, wenn überhaupt nur von Menschen zu Fuß benutzt. Den von mir benutzten Übergang haben in den letzten drei Monaten 14 Autos passiert. Warenverkehr mit den Nachbarländern gibt es nicht. Eine Orientierung nach China und Japan (Expräsident Fujimori) ist klar zu erkennen.

Produkte aus diesen Ländern, z.B.Fahrrad- und Motorradrikschas, sowie entsprechende Musik sind allerorts anzutreffen. Auf einen Mercedes kommen ca 20.000 Toyotas.

Die Polizei ist mit dicken Toyotas allgegenwärtig und bessert das Gehalt mittels unbegründeter Strafen auf. Man könnte fast meinen es gibt mehr Polizisten als Ameisen.

Die Bevölkerung teilt sich auf: 60 % Mestizen, 15 % Indios und beliebig vielen weiteren ethnischen Gruppen wie Japaner, Chinesen, Weißen, Schwarzen... auf. 40% sollen Analphabeten sein.

Die Trennung zwischen der reichen Minderheit und des armen Volkes ist extrem. Das Establishment lebt in bewachten und von hohen Mauern umgebenen Residencials und schickt ihre Kinder zur Ausbildung nach USA oder Europa. Beim armen Volk ist der Hunger ständiger Gast., soziale Einrichtungen gibt es nicht. Medizin wie Antibiotika können sich die armen Leute nicht leisten, oft ist es das Todesurteil.

Die Kirche ist stockkonservativ und predigt gegen den Willen der Regierung jeden Sonntag gegen die Empfängnisverhütung. Offensichtlich ist für die peruanische kath. Kirche die Welt immer noch eine Scheibe. Der Tourismus stagniert. Die Passagierzahlen auf den großen Flughäfen sind rückläufig.

 


Ecuador, landschaftlich einzigartig, zwischen dem militanten/terroristischen Kolumbien und dem Block Peru bleibt kaum noch Luft zum atmen.

... landschaftlich einzigartig

Ecuador, etwas kleiner als D, verfügt über palmenbewachsene Sandstrände am Pazifik. An einigen Stellen gibt es noch den einzigartiger tropischer Trockenwald aus Kapok- und Palo-santo Bäumen sowie verschiedenen Kakteenarten. Auf großen Plantagen werden Bananen angebaut. Die gute Qualität hat Ecuador zum weltweit größten Produzenten werden lassen.

Auf dem Altiplano mit 6000 m hohen Bergen liegt die Hauptstadt Quito, ehemals nördliche Markierung des Inkareiches. Der Oriental als Übergang in das Amazonastiefland birgt jede Menge von Tieren.

...kaum noch Luft zum atmen

Zur Zeit meiner Anwesenheit hat es im Grenzgebiet zu Kolumbien Übergriffe auf die Menschen im Ecuador gegeben. Sie sollten für den Waffendienst der Drogenmafia gezwungen werden. Mit Peru gab es 1990 einen Grenzkrieg um strittige Teile im Amazonasgebiet. Auf beiden Seiten gab es Tausenden von Toten und dramatische Folgen für den Staatshaushalt. Der US $ ist seit 2000 die offizielle Währung, damit sollte die galoppierende Inflation gestoppt werden. Somit hat Ecuador eine Situation wie Argentinien vor 6 Jahren. Ich habe noch nie soviel schwerbewaffnetes Wachpersonal wie in Manta gesehen. Am Ende wusste ich nicht mehr so richtig, wer vor wem beschützt werden soll.

Seit Cusco in Peru habe ich keine Touristen mehr getroffen. Die teure und logistisch aufwendige Verschiffung von Ecuador nach Panama wird gemieden. Mit Hilfe von Freunden konnte ich für den Toyota einen Transportvertrag mit der weltweit tätigen Fa. Maersk abschließen. Vereinbart war der Transport mittels Container von Manta, Ecuador nach Balboa in Panama zu einem festen Preis. Für die Be- und Entladung waren zusätzlich Brokerleistungen notwendig. Der Zoll und die Drogenpolizei hat stundenlang mit Hunden das Auto untersucht.

Nach vielen Falschinformationen und vier zusätzlichen Preisrunden haben schwerbewaffnete Sicherheitskräfte 10 Tage nach Beladung den Container geöffnet. Alles i.O. mir ist ein Stein vom Herzen gefallen. Die Fahrt in Richtung USA kann weitergehen.

 

Gerhard

PS: Über ein Feedback der Folgen aus der EU-Erweiterung würde ich mich freuen.



Gerhard


gedruckt am Heute, 16:18
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