Rund ums Expeditionsmobil
Links oder rechts? Algerien, unser erstes Offroaderlebnis
16.06.2006 - 10:00

"Links oder rechts?" Nach Norden oder nach Süden?“ Gernot und Nicole standen am anderen Ende der Welt vor der banalsten und zugleich schwierigsten aller Fragen: Wohin? - „Lass uns Knobeln!“ Hände formten die seit Kindertagen vertrauten Symbole für Brunnen, Schere, Stein, … dann war die Entscheidung gefallen. Gernot trat das Kupplungspedal durch, legte den Gang ein. Ein Zittern erfasste den Bremach, die Räder mit den Matschprofilreifen begannen sich zu drehen und nahmen den ersten Meter in Angriff. Rund 24 Millionen sollten in den nächsten Wochen und Monaten folgen ...

Mit ihrem Eintreffen in Perth waren sie am Ziel ihrer Träume angekommen, lebten tatsächlich eine seit langem herangereifte Idee. Bereits im zarten Alter von 18 Jahren hatte Nicole davon geträumt, mit einer Freundin mehrere Monate in Australien zu verbringen. Von Gernots Existenz ahnte sie noch nichts. Dass viele Jahre vergehen sollten, bis dieser Wunsch – wenn auch unter ganz anderen Vorzeichen - tatsächlich in Erfüllung gehen sollte, hätte sie nie für möglich gehalten.

Seit sechs Jahren waren die beiden nun ein Paar und hatten bereits einige gemeinsame Reisen in diverser Herren Länder unternommen. Unter anderem auch nach Australien. Die Anziehungskraft eines fernen Landes zu beschreiben fällt schwer, schnell werden Begriffe wie „magisch“ oder „faszinierend“ bemüht; die dem Außenstehenden nicht weiterhelfen, nichts wirklich erklären. Da man etwas benennen soll, das man eigentlich erst kennen lernen möchte, ist es ohnehin müßig und auch scheinbar nüchterne Fakten wie niedrige Kriminalitätsrate, medizinische Versorgung, die keine Rolle spielende Sprachbarriere, Vielfalt der Natur etc., beschreiben bestenfalls einzelne Argumente „pro“, nicht jedoch den Magnetismus als solchen. Auch nicht den zwischenmenschlichen.

Unsere Reise kann beginnenSomit war pures Fernweh nur eines von mehreren Motiven für die Reise ans andere Ende der Welt. Einmal gründlich aus dem Alltag ausbrechen, eine gewisse Zeit lang „selbstbestimmt“ leben und anschließend mit veränderten Wertvorstellungen und Ansprüchen zurückkehren, war ein weiterer Reiz, aber eben auch nur ein weiterer. Letzen Endes traten sie die Reise zum „finis terrae“ an, um bei sich selbst anzukommen.

Ihr Umfeld reagierte zurückhaltend auf die Ankündigung, Europa und dem Vertrauten den Rücken zuzukehren, um ein halbes Jahr lang in „Down under“ einzutauchen. Zwar sind Fernreisen als solche längst nicht mehr ungewöhnlich. Irgendwo hinzufliegen, um zwei, drei, vier Wochen fern der Heimat seinen Urlaub zu verbringen, gehört inzwischen zum Berufsleben wie die tägliche Mittagspause. Nur hat man anschließend zurückzukehren, sich nahtlos wieder in den Alltag einzufügen und darf – je nachdem, wie intensiv man mit dem Gastgeberland in Berührung kam – eine absehbare Zeit lang von der Erinnerung zehren. Das Vorhaben von Gernot und Nicole ging jedoch weit darüber hinaus, hatte eine andere Dimension und brach mit den unausgesprochenen Regeln, die für berufstätige Westeuropäer zu gelten scheinen.

Besagtes Umfeld konnte anfangs gelassen abwarten, denn nicht wenige träumen laut davon, einmal alles hinter sich zu lassen, um per pedes die Wüste Gobi zu durchqueren, den Amazonas von der Mündung bis zur Quelle zu erkunden, oder eben ein Jahr im australischen „Outback“ unterzutauchen. Und wie viele setzen ihre Träume in die Tat um? Kaum jemand! – Nicole und Gernot taten es.

Je konkreter die Reisevorbereitungen wurden, umso mehr wurde aus Gelassenheit Anspannung. Die anfangs ungläubigen, später eher ängstlichen Bedenken der Familienangehörigen galten vor allem der räumlichen und zeitlichen Distanz: „Ob wir uns jemals wieder sehen?“ Bei den Arbeitskollegen ging es um Irritationen ganz anderer Art. „Normalerweise“, so Gernot im Nachhinein, „arbeitet man im Berufsleben darauf hin, unabkömmlich, unersetzbar zu werden. Wenn Du so eine Reise vorbereitest, arbeitest Du bewusst am Gegenteil: Du musst abkömmlich werden, die Dinge müssen auch ohne Dich weitergehen“. – Das stellte die Grundeinstellung vieler in Frage, bereitete den Kollegen Kopfzerbrechen.

Im Gegensatz zu Gernot wäre Nicole zu einem weitaus radikaleren Schritt bereit gewesen: Alles versilbern was nicht unbedingt nötig ist und ohne Rückfahrkarte auf zu neuen Ufern! Für Gernot sollte es jedoch keine Reise ohne Wiederkehr werden und so musste die Rückkehr noch vor der Abreise organisiert werden. „Unbezahlter Urlaub“ lautete das Zauberwort und zwar für die Dauer eines Jahres. – Im Rückblick eine der schwierigsten Hürden, die es zu nehmen galt. Hatte Nicole es leichter? Die Selbstständige konnte ihre beruflichen Aktivitäten einstellen, aber was käme danach?

Die konkreten Vorbereitungen begannen ein Dreivierteljahr vor der Abfahrt. „Viel zu spät“, sollten beide später zu Protokoll geben. Die vorrangige Frage galt dem fahrbaren Untersatz: In Deutschland ein Auto kaufen und nach Australien verschiffen, oder vor Ort ein gebrauchtes Fahrzeug erwerben und anschließend mit Verlust wieder abstoßen? „Wir hatten bis zu diesem Zeitpunkt keine Off-Road-Erfahrung. Normalerweise kauft man als Einsteiger eine gebrauchte Gurke, fährt damit in die Pampas, sammelt Erfahrungen und verkauft die Karre anschließend wieder. Selbst bei einem Totalverlust hält sich dann der Schaden in überschaubaren Grenzen. Wir haben das Pferd jedoch von hinten aufgezäumt und uns gleich für eine Sonderanfertigung entschieden.“ Eine solche entsteht jedoch nicht über Nacht und der Entstehungsprozess unterscheidet sich gewaltig von einem gewöhnlichen Autokauf. Hier ist es nicht damit getan, einen Vertrag zu unterschreiben und in Ruhe abzuwarten bis das fertige Gefährt vom Band fällt – jedes Detail muss wohl überlegt und extra angefertigt werden.


Als die beiden ihren Zeitplan vorstellten, entgleisten die Gesichtszüge derjenigen, die den Wagen bauen sollten: „Wann wollt Ihr los“? „Im Oktober.“ „Nächstes, oder übernächstes Jahr?“ „In diesem Oktober!“ „Wie bitte?!“ - Das Chassis kam aus Österreich, der Koffer wurde in Niederbayern maßgeschneidert. Der Bau einer solchen Mobilie dauert unter normalen Umständen ein bis zwei Jahre, der Aufwand ist mit dem eines Hausbaus vergleichbar. Am Ende entstand das „Picknickkörbchen“, eine ausgefuchste Konstruktion auf vier Rädern, die es ihren Besitzern durchaus erlaubt, ein paar Wochen abseits der ausgelatschten Wege unterwegs zu sein, ohne auf ein gerüttelt Maß an Komfort und Zivilisation verzichten zu müssen.

Der Rest der Vorbereitung ist schnell erzählt. Oder doch nicht? Einreise- und Zollbestimmungen erfüllen, Vollmachten ausstellen, Bankangelegenheiten und Versicherungen regeln – Papierkram. Der zurückgelassene Alltag sollte als Selbstläufer funktionieren und doch gab es zwischendurch Momente, in denen es hieß: „Wollen wir die Tour nicht verschieben?“ Der unbedingte Wille, ein solches Vorhaben durchführen zu wollen, ist die Voraussetzung für das Gelingen, aufkommende Zweifel wurden durch einen fixierten Zeitplan ausgeräumt: Der Flug nach Australien wurde gebucht, alles andere hatte sich diesem Datum unterzuordnen.

Gelegentlich leistete Fortuna willkommene Hilfe im Detail, beispielsweise bei der Untervermietung der möblierten Wohnung in München: Die Mitwohnzentrale vermittelte eine japanische Familie mit vier Kindern, die exakt für die Zeit der Abwesenheit eine geeignete Bleibe suchte. Deren Perspektivenwechsel wäre vermutlich eine eigene Geschichte wert: Sie hatten mehr Platz als zuhause und sich in München wohler gefühlt als in Tokio.

Nach der Ab- und Übernahme des Fahrzeugs kam der nächste Schritt: Eine ausgiebige Testfahrt für den „Dustdevil“ und eine Art Fahrschule für Gernot und Nicole. Zwar waren beide keine Fahranfänger, doch wechselte Gernot vom Steuer eines Lotus Elite auf den Off-Roader und auch Nicole, die zwar einen LKW-Führerschein besaß und bereits Gefahrgut transportiert hatte, war noch nie zuvor auf Sand gefahren.

Die Karawane rollt ....So wurde das, was vielen schon als Jahresurlaub genügt hätte, zur Probefahrt des „Picknickkörbchens“: Zum Aufwärmen gab es einen vierwöchigen Trip durch Tunesien und Algerien. In sieben ähnlich gestrickten Fahrzeugen machten sich 14 mehr oder weniger erfahrene Personen auf den Weg. Davon kannten Gernot und Nicole gerade einmal zwei. Zwischen Brenner und Genua tröpfelte die Gruppe zusammen und versammelte sich endgültig am Fährhafen zur Überfahrt nach Afrika. Der Anblick des Seelenverkäufers, der sie nach Tunis bringen sollte, war ein ergreifender Moment. Die beiden sahen sich an, „wir hatten Tränen in den Augen“.

Die einprasselnden Eindrücke ließen jedoch keine Zeit für Sentimentalität, Genua ist der klassische Ausgangspunkt für Afrikareisende. Der Parkplatz am Fährhafen war voller Expeditionsfahrzeuge, die in die Ferne strebten und zugleich Sammelstelle für Algerier in Allerweltsfahrzeugen auf dem Weg nach Hause. Ein Schnittpunkt für Gegensätze. Die Autos der Heimkehrer waren ähnlich bepackt wie diejenigen der Aufbrechenden, nur unterschied sich ihre Ladung: „Aus den Fenstern quollen Plastiktüten, auf dem Dach waren zwei Sofas und auf der Motorhaube ein Tisch festgeschnallt.“ Ob das mit den Frachtkosten zu tun hatte – was im, an und auf dem Auto war kostete nicht extra – war zweitrangig. „Für denjenigen, der so etwas zum ersten Mal zu sehen bekommt, ist das richtig spektakulär“.

Die Überfahrt verlief wenig spektakulär, wohl aber die Ankunft: Beim Verlassen der Fähre gab es den ersten Kratzer. Gernot verließ sich auf den Ausweiser, dem das Ausladen der Fahrzeuge offensichtlich nicht schnell genug gehen konnte. „Immerzu rief er „Geht! Geht! Geht!“ und fuchtelte dabei hektisch mit den Armen“. Seiner Aufmerksamkeit entging darüber ein wichtiges Detail: Der „Dustdevil“ war einfach zu hoch! Als schließlich auch Gernot merkte, dass es irgendwo klemmte, war es bereits zu spät. Die Verkleidung der Klimaanlage auf der Fahrerkabine hatte sich derart im Schiff verhakt, dass es kein vor und kein zurück mehr gab. Also rohe Gewalt! Das nagelneue Plastikgehäuse wurde geopfert.

GenuaGenua„Es gehört eine gewisse Form von Mut dazu“, so Gernot später, „all sein Geld, all sein Erspartes in ein Auto zu stecken und damit in den Sand zu fahren. Wenn man Angst davor hat, sich oder seinem Auto eine Delle einzufangen, sollte man es besser gleich bleiben lassen.“ Natürlich tat der erste Schaden weh, doch der Nimbus der Jungfräulichkeit war gebrochen. Als Konsequenz aus dieser unfreiwilligen Umbaumaßnahme wurde die neue Klimaanlagenverkleidung des Bremach später mit einem dicken Riffelblech versehen. Ob dieses einem Schiff widerstehen könnte wurde seither nicht getestet, immerhin sollten noch genügend andere Bewährungsproben kommen.

Ziel der Auftaktreise war die „echte“ Wüste im Süden Algeriens, eine dünn besiedelte Region, in der die einheimischen Berber schön längst nicht mehr das Sagen haben. Ausländische Mineralölkonzerne geben hier den Ton an; vor Ort arbeiten meist Europäer, die das schwarze Gold Algeriens aus der Tiefe fördern. An der Oberfläche gibt es viel Sand, reiht sich eine Düne an die andere, folgt ein militärischer Kontrollpunkt auf den nächsten. Ein ideales Gelände zum Üben und um Fahrpraxis zu erlangen.

Die sollten sie bekommen. An der Grenze zwischen Algerien und Tunesien legte Gernot zum ersten Mal den Allradantrieb ein und blieb prompt im Sand stecken. Es folgten Tage dessen, was auf Neudeutsch „learning by doing“ genannt wird und die Gruppe gab Sicherheit: Wenn man sich zu sehr in die Bredouille gebracht hatte, halfen einem die anderen wieder heraus. Dabei lernten die Neulinge nicht nur praktische Kniffe, sondern erfuhren, dass auch alte Hasen durchaus nicht gegen Fehleinschätzungen und –entscheidungen gefeit waren und dass man in Situationen, die einem Außenstehenden möglicherweise eher kurios erscheinen, überraschend kopflos und panisch reagiert.

So wich einer der Erfahrenen morgens von der Piste ab und fuhr sich in einer Senke fest. Gernot und Nicole wollten ihm zu Hilfe eilen, für den Bremach sollten die sieben, acht Meter Höhenunterschied leicht zu bewältigen sein. Doch grau ist alle Theorie und grau wurde - angesichts dessen, was sich in den folgenden Sekunden abspielte - auch die Gesichtsfarbe des um Beistand Winkenden. Im Eifer des Gefechts hatten sie eine winzige Kleinigkeit vergessen: Das Anlegen der Sicherheitsgurte. Kaum geriet ihr 3,8-Tonnen-Gefährt in die Böschung, kam es, wie es kommen musste, die Physik übernahm das Steuer. Gernot fand sich plötzlich auf demselben sitzend wieder, Nicole lag in der Windschutzscheibe. Mit ungläubigem Entsetzen wurde der unten Havarierte zum Zuschauer und musste hilflos mit ansehen, wie sich die beiden vergeblich darum bemühten, noch das Beste aus der Situation zu machen. Doch die Schwerkraft hatte das Kommando übernommen. Eine immer größer werdende Bugwelle aus Sand und Geröll vor sich herschiebend, wuchtete sich der Bremach unkontrolliert zu Tal. Unten angekommen wurde alles nur noch schlimmer: Der Sandhaufen kam zur Ruhe, die Masse drückte jedoch nach und das „Picknickkörbchen“ hob bedrohlich die Hinterräder. Es drohte ein Überschlag.

Wunderbare EltWunderbare EltBei der Gelegenheit sei eine Grundregel der Wüste eingeschoben: Wenn jemand gezwungen ist, sein Fahrzeug aufzugeben, gehört dieses der Wüste und damit demjenigen, der es findet. Tausend Gedanken gingen den Insassen durch den Kopf: Was geschieht bei einem Überschlag? Werden wir das Fahrzeug bergen können? Wie groß wird der Schaden sein? Und was geschieht mit uns? Ist Australien erledigt, bevor es angefangen hat?

Dazu sollte es nicht kommen. Ein weiteres Mitglied der Gruppe hatte die Szene beobachtet und war zu Fuß hinterher geeilt. Sich ans Heck klammernd – wiederum angewandte Physik – gab er mit seinem Körpergewicht den Ausschlag zugunsten der natürlichen Lage: Der „Dustdevil“ steckte jetzt zwar fest, stand aber auf seinen vier Rädern. Nun waren sie es, die geborgen werden mussten, der zuerst Gestrandete konnte sich aus eigener Kraft befreien. „In der Panik habe ich alles falsch gemacht, falsch gebremst und falsch gelenkt“, so Gernot im Blick zurück, „die Situation wurde nur deswegen brenzlig, weil wir sie brenzlig gemacht haben.“ Lehrgeld. Der Schock saß tief, der Adrenalinspiegel war hoch, doch ließ die Eigendynamik der Gruppe keine Zeit, das Erlebte zu verarbeiten. Die Karawane zog weiter, setzte ihre Fahrt fort.

Gerade die Gruppe wurde zur größten Herausforderung. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich 14 zufällig zusammen gewürfelte Menschen, die sich kaum oder gar nicht kannten, für die Dauer von vier Wochen harmonisch zusammenfinden, entspricht der eines Lotto-Sechsers mit Zusatzzahl. Wer sich nicht auf so viel Dusel verlassen möchte, behilft sich normalerweise mit Absprachen, Organisation, Regeln und notfalls auch mit Hierarchie. Ist nichts dergleichen vorhanden, bleibt nur noch darauf zu hoffen, dass es irgendwie gut gehen wird. Es ging nicht gut.

Im selbst gewählten Mikrokosmos in ungewohnter Umgebung, ohne Ausweichmöglichkeit auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen, wirken soziale Bindungen wesentlich stärker, als im vertrauten Umfeld daheim. Jede noch so unscheinbare Handlung wirkt sich innerhalb der Gruppe aus, wird von den engen Außenwänden des kleinen sozialen Nukleus reflektiert und fällt, im Echo um ein Vielfaches verstärkt, auf jeden Einzelnen zurück. So wird aus einer Mücke ein Elefant und umgekehrt wächst die Gefahr, einen Elefanten schlicht zu übersehen.

Zugegeben, der Vergleich hinkt. In der Sahara gibt es keine Elefanten. Doch die Spannungen innerhalb der Gruppe nahmen zu. Vordergründig lag es am unausgesprochenen Konkurrenzdenken derjenigen mit der meisten Erfahrung, selbsternannte Alphatiere, die sich gegenseitig nichts sagen und nichts sagen lassen wollten. Möglicherweise lag die Ursache auch in den unterschiedlichen Erwartungshaltungen der Teilnehmer: Für die einen war es eine Testfahrt, für die anderen bedeutete genau dies Arbeit. Die Dritten wollten einfach Urlaub machen und Gernot und Nicole standen irgendwie dazwischen und waren gedanklich bereits einen Kontinent weiter.

Staubsauger trifft Reifen in der WüsteJe länger die Fahrt dauerte, desto mehr setzte sich die Zersetzung fort; innerhalb der Gruppe bildeten sich Grüppchen. Es kam Sand ins Getriebe und wirklich zusammen fand die Gruppe nur noch dann, wenn es buchstäblich um Sand ging, wenn es galt, gemeinsam von außen herangetragene Probleme zu bewältigen: Ein unpassierbares Loch, das zugeschaufelt werden musste, ein Reifen, der Sand eingefahren hatte und ausgesaugt werden musste, oder die Überquerung einer mitten durch die Wüste verlegten Pipeline.

Bremach trifft Pipeline die 3.Bremach trifft Pipeline die 2.Bremach trifft PipelineBremach trifft Pipeline die 3.Diese ragte ungefähr einen halben Meter aus dem Wüstensand heraus, war eigentlich nicht zu übersehen, aber offenbar auch nicht zu umfahren. Der erste Wagen, ein „zivilisiertes“ Schweizer Militärfahrzeug, kam ohne Probleme darüber hinweg, der nachfolgende blieb hängen. Das Ganze hatte mit bauartbedingt geringerer Bodenfreiheit zu tun und führte trotzdem sogleich zu gegenseitigen Vorwürfen: Wer hatte was kommen sehen, rechtzeitig erkannt und nicht gewarnt? Jedenfalls mussten jetzt alle mit anpacken. Eine Rampe musste geschaufelt, Sandbleche verlegt und das dreieinhalb-Tonnen-Gefährt irgendwie angehoben werden. Damit war ein Großteil der Gruppe beschäftigt. Die restlichen hatten herbeigeeilte Ingenieure und deren schwer bewaffnete Begleiter zu besänftigen, die ganz genau wissen wollten, was die Touristen denn mitten im militärischen Sperrgebiet und ausgerechnet auf ihrer Pipeline zu suchen hatten. In solchen Situationen entstand so etwas wie Gemeinsinn, entstand verklärender Erzählstoff für spätere Lagerfeuerabende.

Teamwork 1Teamwork 2Teamwork 3Teamwork 4Den Tagesablauf diktierten die Frühaufsteher, um acht Uhr ging es los. Innerhalb von einer Stunde musste das Auto fertig gemacht werden, dann fuhr der erste ab und die anderen hinterher. „An Frühstück“, so Nicole später, „war überhaupt nicht zu denken, manchmal habe ich vor lauter Hektik sogar den Kaffee verschüttet. Mit Urlaub hatte das nichts zu tun“ Dann hieß es fahren, fahren, fahren. Am Abend galt es, einen geeigneten Platz zum Schlafen finden, das Auto für die Nacht vorzubereiten, Feuer machen, Essen, Schlafen. Wer vorneweg fuhr konnte topografische Karten lesen und bestimmte die Route. Die wurde nicht gemeinsam festgelegt, wie auch der Tagesablauf insgesamt – trotz teils endloser Grundsatzdiskussionen über alles Mögliche - nicht abgesprochen wurde. Globetrotter sind Einzelgänger. Irgendwo anhalten und verweilen? Daran war nicht zu denken.

Sechs Tage war die Gruppe bereits in der Wüste unterwegs, als Nicole, mit Schäufelchen und Klopapier bewaffnet, hinter einer Düne verschwand, um künftigen Archäologengenerationen eine bleibende Duftmarke zu hinterlassen. Da hatte sie ihr erstes Naturerlebnis: Die Wüste ist groß und schön! Für tiefere Einsichten fehlte die Muße, ständig wurde alles von konkretem Tun bestimmt und überlagert. Immerhin gab es genug zu lernen: Die Dünen nicht auf der Lee-Seite umfahren, um nicht in weichen Sand zu geraten. Richtig über Dünenkämme fahren, ohne Höhe zu verlieren. - Praxis im Fahren, Praxis im Umgang mit dem Fahrzeug und Praxis im Umgang mit sich selbst.

Nicht nur das „Picknickkörbchen“ war ein Prototyp, sondern auch Gernot und Nicole betraten als Paar Neuland. Irgendwann, so berichteten sie später, hatten sich der Stress, die Hektik, die Spannungen innerhalb der Gruppe auch auf sie übertragen. Aus nichtigem Anlass kam es zum Streit, kurz und heftig, wie ein Sommergewitter. Dann sahen sie sich an und mussten lachen. Zwischenmenschliches auf dem Prüfstand, als Paar, als Team, im Gewitter.

Dieses kam vollkommen unerwartet und bescherte nun auch Gernot sein Naturerlebnis. Nach dreitägigem Sandsturm konnte die Gruppe staunend ein 360-Grad-Gewitter beobachten, das sich rings um sie entlud. Regen! Viel Regen! Drei Tage lang! Ausgerechnet dort, wo es seit Jahren keine Niederschläge mehr gegeben hatte. Die dampfige Feuchtigkeit kroch in jede Ritze, machte alles unangenehm klamm und kalt. Die Wüste veränderte ihre Farben und die Expeditionsreisenden veränderten ihre Einstellung.

Hatte ein geplatzter Kühlwasserbehälter bereits zuvor für eine Unterbrechung von mehreren Tagen und einen Zwangsaufenthalt in einem Liebherr-Camp gesorgt, schuf jetzt die Technik endgültig vollendete Tatsachen. Die Kupplung eines Teilnehmers gab den Geist auf, an eine Weiterfahrt aus eigener Kraft war nicht mehr zu denken. Was jetzt? Was tun? Vor Ort und mit eigenen Mitteln war der Schaden nicht zu beheben. Man könnte den Wagen zurücklassen und später bergen – auf die Gefahr hin, dass er dann verschwunden ist. Oder man könnte den Havarierten an den Haken nehmen und in die nächstgelegene Werkstatt schleppen – rund tausend Kilometer durch Regen und Matsch. Man entschied sich für letzteres. Es war noch nicht einmal Halbzeit, als die Tour abgebrochen wurde. Nach gerade einmal anderthalb Wochen war die Fahrt war zu Ende, bevor sie richtig angefangen hatte.

Kilometer um Kilometer wühlten sich das Schleppgespann und seine Begleitfahrzeuge zurück in Richtung Verbindungsstraße. Für westeuropäische Augen bot die Wüste einen außergewöhnlichen Anblick: Regenschleier, dräuende Wolken, Wasserlachen zwischen den Dünen. - Norddeutsches Pißwetter mitten in der Sahara. Das Fahren auf nassem Sand hat durchaus seine Vorteile. Feuchtigkeit verdichtet die Oberfläche und man kommt auf diesem festen Grund besser voran, als in losem Streusand. Unangenehm, geradezu tückisch wird es hingegen an solchen Stellen, wo das Regenwasser stockt, nicht abfließen kann. Dort bildet sich bodenloser Schlamm. Genau dieser lauerte auf dem letzten Streckenabschnitt: Eine Ebene voller Schlamm! Geradezu ein Schlammsee! Durchfahren? Undenkbar! Außen herumfahren? Wo denn? – Man saß in der Falle.

Regen in der WüsteRegen in der WüsteDann geschah das, was in Wüsten immer geschieht: Ein Wunder! Das Wunder war massiv gebaut, wog mehrere Tonnen, hatte riesige Stollenreifen und hörte auf den Namen „Caterpillar“. Seine algerische Besatzung hatte sich Tage zuvor mit einem anderen Wagen im Schlamm festgefahren, war zum Camp zurückgelaufen und trat nun mit schwerem Gerät die Bergung ihres Fahrzeugs an. Das überraschende Aufeinandertreffen eröffnete beiden Seiten neue Perspektiven: Das „Wunder“ konnte die Expeditionsfahrzeuge durch die tiefsten Löcher zerren und für die Algerier bot sich die unverhoffte Gelegenheit zu einem fürstlichen Nebenverdienst. Einzig Gernot und Nicole gelangten ohne fremde Hilfe auf die andere Seite, ihr „Picknickkörbchen“ war mit Matschreifen ausgerüstet. Das war Balsam für die Seele und bescherte den Greenhorns ein Erfolgserlebnis, „aber im Moment der Fahrt rutschte uns das Herz mehrfach in die Hose.“

Mit dem Erreichen der Verbindungsstraße entstand so etwas wie Euphorie. Zwar musste ein letztes Mal in einem gemeinsamen Kraftakt ein unpassierbar weggeschwemmtes Stück Straße zugeschaufelt werden, doch dann regierte der Stalltrieb. Bald war es geschafft, bald konnte sich die Gruppe, die nie richtig zueinander gefunden hatte, auflösen und jeder seine eigenen Wege gehen.

Die restlichen tausend Kilometer Abschleppen waren ein Kinderspiel, verstrichen mehr oder weniger ereignislos. Jetzt spielte es keine Rolle mehr, dass beispielsweise nicht alle mit Funk ausgerüstet waren und diejenigen, die Funk hatten, sich nicht auf eine gemeinsame Frequenz einigen konnten. Jetzt war Land in Sicht. An der Grenze zu Tunesien übergab man den Pannenwagen in die Hände einer geeigneten Werkstatt, vergewisserte sich, dass das Kupplungsproblem dort auch gelöst werden konnte, dann löste sich die Gruppe auf.

Ursprünglich waren vier Wochen Algerien-Tunesien vorgesehen gewesen, davon drei Wochen alleine für die Fahrerei in der Wüste. Unter schweren gruppendynamischen Bedingungen, nach drei Tagen Sandsturm, drei Tagen Dauerregen und rund 2000 km als Abschlepp-Konvoi im Schleichgang, hatte die Tour nach der Hälfte der Zeit ein Ende genommen.

Die Fähre zurück nach Europa ging erst eine Woche später. Die Wartezeit wurde in, bzw. vor einem Hotel verbracht, das drei Kilometer vom Hafen entfernt war. Gernot und Nicole machten es sich im „Picknickkörbchen“ auf dem Hotelparkplatz bequem, die anderen Expeditionsteilnehmer nahmen sich Zimmer. Man ging sich aus dem Weg. Warten. Erst auf der Fähre trafen sich alle wieder, fanden aber nie mehr zusammen und manch ein Verhältnis blieb dauerhaft zerrüttet. Für Gernot und Nicole bedeutete die Situation eine diplomatische Gratwanderung, waren sie doch ausgerechnet auf die beiden Hauptstreithähne angewiesen, die gemeinsam die entdeckten Kinderkrankheiten des „Dustdevil“ auszumerzen und den Wagen für Australien aufzurüsten hatten.

Es folgte eine Zwischenzeit in München. Eindrücke verarbeiten, auf den nächsten Termin warten. Vier Wochen später sollte der Bremach nach Australien verschifft werden. Welche Erkenntnisse hatten sie aus Algerien mitgebracht? „Vordergründig hatten wir viel zu viel Zeug dabei! Vorher machst Du Dir Gedanken: Was brauche ich? Was nehme ich mit? Was nicht? Nach Algerien haben wir erst einmal die Hälfte der Sachen ausgeladen und eingelagert.“ Später, in Australien, sollten sie feststellen, dass auch die Hälfte der Hälfte noch viel zu viel war.

Unsere Reise kann beginnenUnsere Reise kann beginnenDoch wirkte Algerien auch unsichtbar nach, bis weit ins australische Outback hinein. Erst nach und nach kamen die Lehren bei den Reisenden an. „Ohne Algerien hätten wir unsere Tour durch Down Under nicht geschafft“. Dabei ging es nicht nur ums fahrerische Können, um Tricks und Kniffe, die hilfreich sein können: „Wir müssen viel mehr miteinander reden, viel mehr auf uns hören, viel mehr auf uns achten.“ Eine solche Reise ist eine besondere Situation, stellt an das Paar-Sein ganz andere Anforderungen als der hiesige Alltag und in Australien würden sie ganz auf sich selbst gestellt sein. Dort würde es keine Gruppe mehr geben, die sie in Gefahr auffängt, oder – je nach dem - bringt. Insofern war der Algerien-Trip Schule und Warnung zugleich.

Der Wagen wurde um- und ausgerüstet, ein paar Schäden wurden behoben und Kinderkrankheiten ausgemerzt. Jetzt hieß es endgültig „Leinen los!“. Gernot und Nicole verabschiedeten sich von Freunden und Familie und machten sich auf den Weg nach Hamburg.


Fortsetzung folgt.....



Gernot & Nicole


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