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04. Reisebericht: Bolivien - von Gerhard Roetzer
26.03.2004 - 21:09

An alle interessierten Freunde,

Bei La Quiaca, (3.477 m, S 22 Grad 06.926, W 65 Grad 35.893) dem Grenzort im Norden von Argentinien, bin ich nach Bolivien eingereist und ueber Tarija, Villa Monte, Santa Cruz, Conception,Trinidad, Varanavi, Guanay, Sorata, La Paz nach Copacabana am Titicaca See gefahren.

Nach 4 Wochen Kampf mit teilweise katastrophalen Strassen und vielen Begegnungen mit liebenswerten Menschen, habe ich folgende Sicht: Bolivien ist ein bizarres Land. Die eine Hälfte des Landes liegt auf 4.000 m Höhe dem Altiplano und die andere auf 160 m Höhe dem Oriental.
80 % der Bevölkerung sind Aymaras, der Rest teilt sich auf 59 ethnische Gruppen auf. Alle kauen Coca und haben katholisch zu sein. Die Bevölkerungsdichte beträgt 20 Einwohner pro qkm. Die von der Regierung erlassenen Gesetze sind grundsätzlich gegen die Bevölkerung und erlauben der schmalen, herrschenden Schicht einen beliebigen Zugriff auf das Vermögen des Landes. Die Produkte sind wegen mangelnder Qualität und fehlender Strassen nicht an den internationalen Markt zu bringen. Gesetzliche Freiräume erlauben Sekten freie Glaubensausübung und kriminellen Gestalten ein leichtes Versteck. Das Land ist reich an Mineralien, insbesondere Gold. Die Ausbeutung erfolgt grundsätzlich per Hand. Einen Schutz fuer die Minieros gibt es nicht, Die ausnahmslos freundlichen Menschen verharren in einer tiefe verwurzelten Tradition und lehnen die Globalisierung ab.


Der Aufenthalt in Bolivien ist mit einem Abenteuerfilm zu vergleichen. Jetzt einige Szenen aus diesem Film:

Szene 1: Altiplano zwischen 3.840 m Titicaca See und den Minen von Tacoma auf 4.600m. Die Temperatur steigt mittags auf maximal 15 Grad, in der Nacht kann es Frost geben. Am Morgen und abends brennt in den Adobehäusern mit Grasdach ein kleines Holzfeuerchen zur Essenszubereitung. Tagsüber werden die bewässerten Felder bearbeitet oder das Vieh, vornehmlich Llamas und Schafe, gehütet.
Fliessendes Wasser, Strom oder Telefon gibt es grundätzlich nicht. Für die Ausbildung der zahlreichen Kinder gibt es genügend Schulen (Zwergschulen). Jeder Mann hat vom Kokablaetterkauen eine dicke Backe. Koka kompensiert die schlechte Ernährung und gibt die notwendige Kraft für die tägliche Arbeit. Das trifft auch fuer die Minieros zu, die in den bis zu 5.000 m hoch gelegen Minen arbeiten. Abgebaut wird hauptsächlich Blei, Kupfer, Borax, Zinn, Silber und Gold. Alles in Handarbeit. Der Frust über diese unwirtlichen Lebensbedingungen wird bei den häufigen Fiestas im Alkohol ertränkt. Die Frauen in ihren traditionellen Röcken und Hüten tragen bei der Feld- und Hausarbeit ein Kind auf dem Rücken, das andere im Bauch.

Szene2: Der Übergang zum Oriental oder Amazonasbecken erfolgt abrupt. Auf wenigen km windet sich die Strasse auf eine Höhe von 200 m hinunter. Trinidad die Hauptstadt von Beni, liegt auf 160m. Unversehens schimpfen Papageien mit gelben Schwanzfedern und grosse Schmetterlinge gaukeln wie Fallschirme. Für kurze Zeit prasselt ein warmer Regen auf das Blätterdach des tropischen Urwalds. Farne, Lianen und Palmwedel waschen die Windschutzscheibe und streichen dann über das Dach. Die Temperaturen liegen bei hoher Luftfeuchtigkeit tagsüber bei 37 und nachts bei 31 Grad C, eine permanente Sauna. Die Moskitos verhalten sich antizyklisch. Präzise am Abend, wenn die Temperatur etwas zurückgeht, werden diese malariaverseuchten Mistviecher tätig. Die Menschen leben in malerischen, luftdurchlässigen Bretterhütten mit Dächern aus Palmwedeln. Die Hauptverkehrsmittel auf dem Land sind die Ladeflächen von Lastwagen bzw. Einbäume für das riesige Netz an Wasserstrassen. In Trinidad dominiert das Motorrad. Die Menschen sind westlich gekleidet, wirken lebensbejahend und bewegen sich nach Rhythmen karibischer Musik. Eine Ausnahme bilden die Yungas. Dieses Gebiet südlich von La Paz, auf einer Höhe von 2.000 m gelegen, ist das Zentrum für den Kokaanbau. Die Menschen dort sind wohlhabend. Man spürt den Dollar und das ist den Amerikanern ein Dorn im Auge.

Szene3: Das Strassenentz entspricht nicht der Grösse des Landes. Viele, wahrscheinlich die meisten Gebiete sind entweder nur zu Fuss, per Einbaum oder gar nicht erreichbar. Nur wenige 100 km sind asphaltiert. Im Oriental sind die Pisten in der Regenzeit von November bis Februar nahezu unpassierbar, die rote Erde wird dann zum glitschigen Schlamm. In der Trockenzeit versinkt wiederum alles im heissen Staub. Manchmal ist es schwierig, zwischen dem Geschrei der Vögel des tropischen Urwalds und den Geräuschen des Toyotas zu unterscheiden. Die Strassen in den Anden sind mit schlecht gewarteten Wirtschaftswegen in den Steillagen von Südtirol zu vergleichen. Und weil alles ohnehin sehr eng zugeht, werden Steine, Baumstämme und Äste grundsätzlich nicht weggeräumt. Brücken sind die grosse Ausnahme und gibt es nur wenn bei Sonnenschein der Wasserstand min. 1 m beträgt. Auf der Strecke zu den Goldminen bin ich erleichtert, wenn alle 6 Stunden ein Auto, meistens ebenfalls ein Toyota, entgegenkommt. Dann weiß ich, die Strasse ist die nächsten km noch befahrbar. Ein Getriebe mit nur dem ersten Gang vorgelegt würde reichen. Die wenigen Hütten sind derart zwischen Strasse und Abhang gepresst, dass kaum noch Platz für eine Wäscheleine bleibt. Bei Extremlagen wird links gefahren, um bei Gegenverkehr, bei den wenigen Ausweichstellen, auch noch die letzten Zentimeter zum Abgrund nutzen zu können.

Szene 4: Gesetzliche Freiräume - Zur großen Überraschung existiert etwa 100 km vor Santa Cruz östlich der Ruta 9 eine Menoniten-Kolonie. Vor 35 Jahren hat die Sekte 40.000 Hektar Land gekauft und mit der Regierung von Bolivien einen Vertrag über freie Glaubensausübung abgeschlossen. In einem Verbund von ca. 40 Dörfern leben ca. 42.000, davon 6.000 Deutsche, Menoniten. Amtssprache ist Hochdeutsch, Umgangssprache ist Plattdeutsch. Die strengen Glaubensregeln werden befolgt. Wer dagegen verstösst, wird ausgesondert.
Inmitten von Indios bewahren sich diese Menschen ihre eigene Welt, tragen ihre eigene Kleidung, bewirtschaften die Felder hochproduktiv, verwahren sich gegen technischen Fortschritt (kein Radio, Telefon, Strom, Autos, TV, Bibliothek besteht aus Glaubensschriften) und haben blonde Kinder. Ich wurde in einer Familie mit 10 Kindern sehr herzlich aufgenommen, wir unterhalten uns in deutsch. Der Drang zur freien Glaubensausübung hat die Menschen aus Russland vertrieben. Sie sind letzten Endes über Kanada, Mexiko und Belize in Bolivien gelandet. Bolivien ist ohnehin die Schweiz für Sekten.
Am 1.03.2004 wurde die bolivianische Staatsanwältin Monica von Bories mittels einer Autobombe getötet. Dazu folgender Hintergrund: Der italienische Staatsangehörige und Mafiosi Marino Diodato wurde vor 2 Jahren zu 5 Jahren Haft verurteilt. Aufgrund der Beweisführung von Monica von Bories wurde er wegen Waffenhandel, Glücksspiel und Drogenhandel verurteilt. Vor wenigen Tagen sollte Diodato, von 2 Polizisten begleitet, in ein Krankenhaus gebracht werden. Er bestach mit einer grossen Geldsumme die Polizisten und entkam. Seine Verurteilung rächte er durch das Bombeattentat. Mittlerweile sind 8 FBI Agenten aus USA eingeflogen, um ihn wieder dingfest zu machen. Besonders pikant sind Diodato´s Verbindungen. Er pflegt als Mafiavertreter entsprechende Verbindungen nach Kolumbien, Peru und Brasilien. Seine Frau ist eine Tochter des ehemaligen bolivianischen Präsidenten Hugo Banzer. Weiterhin war er in der Regierungszeit Banzera´s der Leiter der Rauschgiftpolizei in Santa Cruz.

Szene 5: Schon in der Inkazeit wurde das meiste Gold in der Gegend zwischen Guanay und Sorata gefunden(Höhe 770 m, S 15 Grad 17.62, W 68 Grad 26.877). Das hat sich bis heute nicht geändert. In unzähligen kleinen und kleinsten Minen wird noch Über- und Untertage abgebaut. Die meisten Fundstellen sind nur zu Fuss erreichbar und liegen z.T. an steilsten Hängen. Jegliche Infrastruktur fehlt. Der Abbau ist nicht organisiert, er wird in kleinen wilden Gruppen durchgeführt. Vom Brechen des goldhaltigen Materials bis zum Auswaschen wird alles manuell durchgeführt. Wahrscheinlich waren die Inkas besser organisiert. Der Goldstaub wird bei den Aufkäufern abgegeben. Die Ausbeute reicht gerade zum Überleben. Schutzmassnahmen oder Vorkehrungen für den Krankheitsfall gibt es nicht. Die Minieros mit ihren Familien leben für die Zeit des Abbaus in einfachsten Bretterhütten. Meistens gibt es eine Einkaufsmöglichkeit und eine Kneipe fuer den nachhaltigen Bierkonsum. Nach erfolgter Ausbeutung werden die Hütten verlassen.

Szene 6: Die Menschen auf der Strasse waren mir gegenueüber ausnahmslos liebenswürdig und hilfsbereit. Nach einer kurzen Rückfrage konnte ich immer in der Nähe eines Hauses mein Nachtlager aufschlagen. Alle haben sich ueber die korrupte Regierung und die interpretierbaren Gesetze beschwert. In Bolivien schwelt eine tiefe Vertrauenskrise zwischen den Buergern und den Regierenden. Deshalb kann die Aversion gegenüber jeglicher Globalisierung nicht überraschen. Die grosse Mehrheit der Aymaras pflegt nach wie eine eigene Sprache. Spanisch ist "nur" die Amtssprache. Fast alle Frauen tragen Tracht und lange geflochtene Zöpfe. Entweder sie verlieren in jungen Jahren die Schneidezähne oder haben eine Goldfassung. Die bartlosen Männer haben ihre Liebe zum Transistor Radio entdeckt und lenken virtuos Lastwagen auf Strassen die eigentlich zu schmal sind. Der Kindersegen ist ungebrochen, der Schnitt dürfte bei 5 liegen. Die Ausbildung ist, wenn auch auf niederem Niveau, gesichert. Alle Schüler tragen schicke Schulkleidung. Mit Wehmut und vielen sehr positiven Erinnerungen habe ich gestern Bolivien in Richtung Peru verlassen.



Gerhard


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