Reiseberichte » Mit Gerhard um die Welt
03.Reisebericht: Entlang am Andenhauptkamm, 4.000 km in den Norden - von Gerhard Roetzer
08.02.2004 - 18:18

An alle interessierten Freunde,

seit dem letzten Bericht sind fast 2 Monate vergangen. In dieser Zeit haben sich die Ereignisse bei mir fast ueberschlagen. Um den Bericht nicht zu ueberladen, werde ich neben der Reiseroute nur die Highlights beschreiben. Falls Interesse an weiteren Details besteht, bitte ich mir einfach eine Mail schicken. Zunaechst meine ’Mgt. Summary’ zum wirtschaftlichen Status der beiden Laender Argentinien und Chile.

Beide Länder sind sehr dünn besiedelt und haben unterschiedlichste Oberflächenbeschaffenheiten. Vom größten Eisschild der Welt im Süden bis zu den Wüsten und Hochebenen im Norden. Dennoch: Der Argentinier trinkt Mate Tee und grillt. Er lässt sich geduldig von der allgegenwärtigen Polizei lfd. kontrollieren. Er ist bereit Opfer für eine nachhaltige Verbesserung der wirtschaftlichen Lage zu erbringen. Vorraussetzung ist allerdings, dass noch genügend Menschen für dieses riesige Land zur Verfügung stehen.
Die Chilenen arbeiten wie wild an einem riesigen wirtschaftlichen Potemkinschen Dorf. Die Schaufenster sind gut gefüllt. Der Vergleich mit einem US Staat drängt sich auf. Bleibt nur zu hoffen, dass die Mehrheit hinter den Fassaden nicht in Vergessenheit gerät.

  Von Ushuaia ueber Rio Grande nach Porvenir in Chile. Nach 3 Stunden Fahrt mit einer klapprigen Faehre habe ich das ueberaus eindrucksvolle Feuerland verlassen und erreiche Punta Arenas, eine quirlige 100% europaeische Stadt. 200 km weiter noerdlich Puerto Natales, das Tor zum Peine Nationalpark. Der weltbekannte Park ist mittlerweile ueberlaufen und zudem sehr teuer. Abgerechnet wird in US $.
Bei Cerro Castillo tauchen der Toyota und ich wieder in die unendlichen baumlosen Weiten Patagoniens ein, dem Reich der Estancias.
In diesem Landstrich, der etwa bis San Carlos der Bariloche reicht, schwindet der Einfluss der Regierung. Ganze Landstriche wurden von Canadiern, Amerikanern, Franzosen und Italienern gekauft. So hat alleine Bennetton 1.2 mio Hektar erworben. Ein Grund ist die billige Beschaffung von Krediten durch Höherbewertung. Nach 10 Jahren (Ende der Steuerbefreiung) wird ohnehin Konkurs angemeldet. Die Routa 40 ist jetzt für die naechsten 4.000 km der rote Faden. Eine groesstenteils unbefestigte Piste, je nach Oberflaechenbeschaffenheit zwischen 4 und 40 m breit. 100 km ohne Gegenverkehr werden zum positiven Erlebnis.
El Calafate ist der Ausgangspunkt fuer den einmaligen Perito Moreno Gletscher und den Granituermen Fitz Roy und Cerre Torre. Der Ort lebt ausschliesslich vom Tourismus und verfuegt ueber eine gute Infrastruktur. Die Vorraete werden etwas ergaenzt. Nach ca 350 km zweigt nach Westen eine Fahrspur zum Parque Perito Moreno, an der Grenze zu Chile, ab. Diesen Park zu besuchen, war ein von mit langgehegter Traum.

Der Park erstreckt sich über eine Fläche von 115.000 Hektar auf einer Hoehe von 860 m. Die Vegetation entspricht in etwa dem Gürtel der Baumgrenze in den Alpen. Die Durchschnittstemperatur im Winter liegt bei 25 Grad Minus Und im Sommer bei 15 Grad Plus. Der Park soll den Bestand einer der letzten Zwerghirschkolonien schuetzen und bewahren. Ob es noch welche gibt ist nicht ganz klar. Der Park kann nur zu Fuß begangen werden. Eine zauberhafte Landschaft mit grimmigen Bedingungen fuer Mensch und Tier.

Die Ranger, ein junges Ehepaar, hat sich sehr viele Zeit genommen mir alles zu erläutern.
Der patagonische Wind ist andauernd stark. Für uns Mitteleuropäer erscheint der Sommer wie bei uns Ende April. Trotzdem ist das Umland landwirtschaftlich genutzt, die einfachen Estancias sind das ganze Jahr über bewohnt. Es gibt weder eine geregelte Strom- und Wasserversorgung. Die Estancias haben Brunnen und Generatoren. Die Entfernung zur nächsten Einkaufsmöglichkeit beträgt im Minimum 240 Km einfach. Mit wenigen Ausnahmen leben die Menschen hier am Existenminimum. Die Hoffnung ruht auf dem lang sam aufkommenden Agrotourismus.
Bajo Caracoles besteht aus 7 Häusern, einer Tankstelle, einer Gomeria, altem Brot und einer Strassenkreuzung nach Chile, ueber den Passo Rudolfo Roballo. Bruce Chatwin beschreibt in seinem Buch, Patagonische Reise, diesen Uebergang in brillanter Form. Ich beschränke mich auf die Estancia Bella Vista am Lago Pueyrredon.
De Estancia liegt 200 m ueber dem Seeufer mit Blick auf See und das Gebirge. In unmittelbarer Naehe schwimmen mehrere hundert Schwarzhalsschwaene in kleinen Tuempeln. Auf der Koppel weiden Pferde. Schafe grasen zwischen den Bueschen. Der Wind weht gewaltig. Der Besitzer ist ein einfacher kleiner Mann mit O-Beinen vom Reiten. Er ist arm und alleine, er traegt mehrfach geflickte Kleidung und für die 80 km zum naechsten Ort hat er Pferde, kein Auto. Er hat allerdings die bei uns so geschaetzte Personality.

Nach einem kurzen Abstecher nach Cochraine in Chile wieder zurueck auf die Routa 40. Rio Mayo, Jose de San Martin, Esquel, El Bolson und San Carlos de Bariloche markieren den weiteren Reiseverlauf und das Ende von Patagonien.
Mittlerweile treten die Zaeune iin den Hintergrund. Das Netz der Estancias wird duenner, Bewaesserungswirtschaft wird immer wichtiger. Der Weinanbau gewinnt immer mehr an wirtschaftlicher Bedeutung.

Chos Malal 500 km noerdlich , ein Ort mit ca 5.000 Einwohnern hat Oasencharakter. Das Leben von 200 km Umkreis oder mehr ist auf diesen Ort konzentriert. Alle Services werden zu besten Konditionen angeboten. Internetstunde 2.50 Pesos, Mittagessen 7.50 Pesos.
Die Piste zum Paso Pichachen und weiter zum Parque NacionalLaguna del Laja auf chilenischer Seite schlängelt sich hoch ueber dem Fluss Neuquen bis zum Ort El Cholar hinauf. Kurz vor dem Pass, die Straße wird immer steiler, plötzlich ein großer Hang ganz schwarz, der mit gelben Grasbüscheln gepunktet ist, und das alles im Abendlicht.

Es scheint manchmal als sei Kunst der stümperhafte Versuch, die Natur nachzuahmen.
Bei der Abfahrt bricht der Toyota mit der Hinterachse in einer Entwaesserungsrinne ein, kein angenehmes Gefuehl. Mit Vorleggetriebe und Differenzial kann er sich mit eigener Kraft befreien. Auf den nächsten Kilometern ist die Oberfläche von Vulkanstaub tiefschwarz. Die Bäche werden mittels Furten passiert, die Brücken hat es irgendwann weggerissen. Vor Jahren hat der Vulkan Antuca gewaltige Massen von Lava und Staub freigesetzt.. Die Staumauer des Wasserkraftwerkes am Laja-See wurde einfach zugesch üttet. Heute steht hier ein kleiner Ort mit Skilift.

In Uspallata, einem Ort an der Strasse von Mendoza nach Los Andes, wird der Toyota auf einem sicheren Campingplatz abgestellt. Am
Aconcagua ’vertrete’ ich mir fuer fast 2 Wochen die Beine. Ich wollte einfach meine alten Freunde wieder sehen.

Barreal (1.750), an der Routa 412, ca 110 km noerdlich von Uspallata
eine Oase mit tausenden von bis zu 100 Jahre alten Weiden. Die üppige Vegetation ist das Ergebnis einer intensiven Bewässerung mit Gletscherwasser vom Mercedario(6.800). Der Ort hat ca 3700, meist kath. Einwohner. Das Andenpanorama reicht von Aconcagua über den Mercedario Bernhard Imgraben, vor 22 Jahren den Arbeitsplatz von Hamburg nach B.A. verlegt, hat in Barreal ein Restaurant mit deutschen Spezialitäten eröffnet. Ich werde sehr herzlich aufgenommen. Bei einem mehrstündigen Gespräch am Abend fl iessen viele Infos. Er hat es geschafft, was vielen anderen deutschen Aussteigern/Auswanderern nicht gelang und jetzt mittellos in Argentinien ihr Leben fristen.

Weiter ueber San Jose de Jachal nach Chilesito.
In der Umgebung von Chilesito wird seit Jahrhunderten in der Mine Mejicana nach Gold gegraben. Ein Konsortium aus Engländern und Argentiniern beauftragte 1902 die Dredner Fa. Adolf Bleichert & Co eine 35 km lange Transportseilbahn von 1.000 auf eine Höhe von 4.600 m zu bauen. Diese, auch fuer heutige Verhältnisse gewaltige Ingenieurleistung, wurde binnen 2 Jahren geliefert. Die Strecke wurde in 9 Sektoren aufgeteilt. Mit dem Abbau im großen Stil wurde begonnen.
Bis 1928 wurde das geförderte Gold von den Engländern verwaltet und vermarktet. Von 1929 bis 1937 lief der Betrieb dann unter argentinischer Regie. Dazu folgender Hintergrund: Der damalige argentinische Präsident Julio A. Roca pflegte die Korruption in besonders großen Stil und stimmte aus Habgier dem Konsortium zu, obwohl das Verhältnis zu England beliebig schlecht war. Die Engländer mussten über Chile einreisen. Der Zugang über B.A. war Engländern verwehrt. Noch heute wird dieser Deal von argen tinischer Seite sehr kritisch kommentiert.

Die Lebensbedingungen werden immer feindlicher. Der Aufstieg auf die Puna nach Antofagasto de la Sierra beginnt.

Für die nächsten 200 km bin ich auf mich gestellt. Außer einem norwegischen Radfahrer treffe ich niemanden, den ganzen Tag. Die Landschaft wechselt lfd. den Charakter, Täler mit etwas Grün. Vegetationslose Hochebenen mit abwechselnd Sand, Kies oder schwarzen Lavasand als Oberfläche. Wüste pur auf 3.500 m umgeben von 6.000 m hohen schneebedeckten Vulkankegeln. Die Piste ist ok. Die Folgen des letzten Regenfalles sind weitgehend beseitigt. Es regnet in dieser Gegend im Schnitt 2 mal pro Jahr.
Unvermittelt, nach einem Lavafeld, taucht Antafagasto de la Sierra, wunderschön an einer Lagune gelegen auf. Die Koordinaten:
Süd 26 Grad 05.139 West 67 Grad 25.247 Höhe 3.349 m
A. liegt in der Provinz Catamarca, 285 km nördlich von Belem. A. gehörte einst zu Bolivien, dann zu Chile und jetzt zu Argentinien. Die Grenzen sind offensichtlich überall verschieblich. Einmal in der Woche fährt ein Bus nach Belem, Hin 12 Std. zurück 9 Std. Bei Regen mehr.
Ca. 500 Einwohner mit steigender Tendenz. Es gibt so etwas wie ein Neubaugebiet. Zwei Almacens mit Basisangebot, eine Hosteria mit Internetanschluss und ein kleines Krankenhaus für Erstbehandlungen. Wie üblich heiße Tage, kalte Nächte kaum Schnee im Winter. Gezüchtet werden Lamas, Schafe und wenige Rinder. Wo geweidet werden kann, wird alles bis auf den letzten mm weggefressen. Der Anbau von Gemüse und erfolgt ausschließlich mittels Bewässerungskulturen. Hauptverkehrsmittel ist der Bus.
Ich werde sehr herzlich bei einer Familie aufgenommen, die für mich kocht und bei den ersten Schritte behilflich ist.

Mario Herrera, ein Indio vom Stamm der Kolla zeigt mir eine Stadt aus Lavasteinen (500 –1500), Petroglyphen und 3000 Jahre alte Felszeichnungen in 4300 Höhe. Dargestellt sind Lamas, Vicunas, Menschen und Fabelwesen (Bild). Mario ist ein ruhiger, ernsthafter Typ. Er stammt aus dieser Gegend, hat ein großes Wissen und bekennt sich zu seiner indianischen Herkunft. Die Gegend im Umkreis von 200 km ist noch voller weiteren Sehenswürdigkeiten, so lebt z.B. die größte Flamingokolonie weltweit in der Lagun a Grande, etwa 50 km entfernt.

Mit herzlichem suerte

Gerhard



Gerhard


gedruckt am Heute, 04:55
http://www.discovery2010.net/php/include.php?path=content/content.php&contentid=46