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Nach Psira
04.01.2006 - 15:24

Nach Psira – die kleine Insel in der Mirabello-Bucht Was wusste ich von Psira? – Nichts!

Außer, dass sie mich vom ersten Blick an magisch anzog und ich eines Tages hinfahren würde. Es sollten noch Jahre vergehen, bis dieser Wunsch in Erfüllung ging. Bis dahin habe ich sie oft besucht und aus der Ferne bewundert: Von Westen aus der Region um Agios Nikolaos, von Süden von der Straße, die sich die Steilküste entlang Richtung Sitia schlängelt und von Osten von den Klippen, die bei Mochlos ins Meer absteigen. Viele Male habe ich sie aus der Ferne betrachtet: Im Regenschleier verschwindend, im Abendrot aufglühend, von Sturmwellen umschäumt, in der Mittagshitze flirrend, im Nebel verschollen und als schwarzes Loch, umspielt von glitzernden Wellenkämmen in einer Vollmondnacht.

Je nach Wetterlage schien sie zum Greifen nah, oder weit entrückt. Immer wieder stand ich an der Wasserbarriere, die mich von Psira trennte und immer wieder sagte ich mir: „Beim nächsten Mal …“ Psira ist klein, ein Fliegenschiss auf der Landkarte.

Einst gab es dort eine prächtige Handelsstadt mit Beziehungen in den gesamten nordöstlichen Mittelmeerraum. Doch das ist mehr als dreieinhalb tausend Jahre her und zahllose Erdbeben ließen Psira buchstäblich untergehen. Längst wurde die einstige Stadt verlassen und was von ihr noch über Wasser liegt vor ein paar Jahren ausgegraben. Psira blieb unbewohnt. Jahre nach dem ersten Blickkontakt mit Psira hatte ich die „richtige“ Frau gefunden, die für die Unternehmung, die da kommen sollte, zu haben ist.

Auf unserer Hochzeitsreise kamen wir – wieder einmal – nach Mochlos (Nordostkreta). Auch dort sind Reste einer mehrere tausend Jahre alten Fischer- und Handelsstadt zu sehen und auch diese befinden sich inzwischen auf einem kleinen Inselchen gegenüber dem modernen Ort. Allerdings in Rufweite und nah genug, um eben Mal hinüber zu schwimmen, oder sich für ein paar Drachmen – inzwischen Euro – übersetzen zu lassen. Auch auf diesem Inselchen gibt es eine steil nach Westen abfallende Klippe, wo einst Menschen in ihren „Königsgräbern“ bestattet wurden. Da saßen wir also, in schwindelnder Höhe und blickten nach Psira. „Da will ich schon lange einmal hin!“ Nelli, meine Frau, meinte: „Dann tun wir das!“ Unsere Hoffnung, einen Fischer zu finden der uns übersetzt, erfüllte sich nicht.

Psira, Mirabello Bucht, Agios Nikolaos - Peter CronauerGriechenland hat sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten sehr verändert und warum sollten diese Veränderungen an Kreta spurlos vorüber gegangen sein? Der Fischbestand im Mittelmeer wurde weitgehend dezimiert, für die Touristenhochburgen muss inzwischen täglich frischer Nachschub vom Festland eingeflogen werden und entsprechend ging die Anzahl der hauptberuflichen Fischer stark zurück. Dazu kommt, dass sich Hellas zunehmend an die EU angleicht. Die unbekümmerte Hilfsbereitschaft früherer Erfahrungen weicht zunehmend einem Geflecht aus Bestimmungen und Vorschriften …

Lange Rede, kurzer Sinn: Für uns hatte niemand Zeit. Tagsüber wird in anderen Berufen der Lebensunterhalt Psira, Mirabello Bucht, Agios Nikolaosverdient und nachts wird gefischt. Nachts wollten wir eigentlich nicht nach Psira. Ein Boot mieten? Für die kurze Strecke über die offene See braucht man einen speziellen Bootsführerschein und den haben wir nicht. Abgesehen davon gab es ohnehin keines zu mieten. Also Selbsthilfe: Wir könnten schwimmen, dafür braucht man noch keine Lizenz. Eine kurze Erkundungstour mit dem Auto ergab, dass Mochlos tatsächlich der beste Ausgangspunkt ist. Wie weit ist das? Drei Kilometer? Vier Kilometer? Entfernungen sind über Wasser schwer einzuschätzen, das kann tückisch werden. Außerdem: Wenn schon Psira, dann mit Fotoapparat und Klamotten, um die Insel auch erkunden zu können. Wie können wir das Zeug als Schwimmer rüberbringen? - Ein Schlauchboot musste her! Der kleine Laden vor Ort hat kein Schlauchboot im Angebot, also rein ins Auto und einmal quer über die Insel zur Südküste. Den noch nicht vorhandenen griechischen Ladenschlusszeiten zum Dank, haben die Geschäfte in Ierapetra auch noch um Mitternacht geöffnet und wir begeben uns ins Gewühl des mondänen Massentourismus. Zwei Stunden später sind wir wieder zurück im stillen Mochlos, um grelle Eindrücke eines pulsierenden Nachtlebens und ein kleines Schlauchboot reicher. Wir haben uns für ein Baby-fun-Badeboot entschieden. Groß genug für unsere in Müllsäcken wasserdicht verschnürten Klamotten und die Fotoausrüstung, aber zu klein für uns als Passagiere.

Die Nussschale hatte jedoch einen entscheidenden Vorteil: Sie war bereits aufgeblasen. Der nächste Tag. „Siga, Siga!“ – eilig haben wir es nicht, das hiesige Temperament hat schon längst wohltuend auf uns abgefärbt. Äolus, Poseidon und die anderen für uns heute verantwortlichen Götter sind wohl gesonnen: Der Himmel ist wolkenlos, die Luft ist klar, das Meer liegt ölig und glatt wie ein Spiegel.

Optimale Bedingungen für Psira? Für alle Fälle geben wir in der Taverne bei Gabi und Manolis Bescheid. Am Abend sollten wir dort zu hören bekommen: „Das haben schon viele versucht.“ - Doch zunächst wird es Mittag und wir stechen erst einmal in See. Das Ufer westlich von Mochlos ist kein prospekttauglicher Badestrand: Hart, schroff, steinig, mit scharfen Korallenfelsen und entsprechend menschenleer. Uns soll es gerade recht sein. Wir fahren so weit es geht, dann lassen wir unseren Transporter ins Wasser. Wir wählen einen markanten Felsen als Landmarke, er ragt mit drei Zacken ein bis zwei Meter aus dem Wasser und ist gut zu sehen. Dort werden wir losschwimmen, dorthin wollen wir wieder zurückkehren. Wir verstauen unsere Müllsäcke, verschnüren alles fest mit Wäscheleinen und betreten das Meer. Die Felsen sind extrem scharfkantig, die Verletzungsgefahr ist groß. Wir müssen gut aufpassen, auf unsere Haut und die unseres Schlauchbootes. Nach den ersten Metern ist mir nach etwas Pathos zumute und ich zitieren den 9. Gesang der Odyssee: „Also stiegen sie ins Schiff, setzten sich hin auf die Bänke und schlugen die graue Woge mit Rudern ...“ – „Kasperlkopf!“, kam es zurück. Es war gar nicht so einfach, die richtige Schwimmtechnik zu ermitteln. Zuerst hatten wir das Boot an das eine Ende einer Wäscheleine geknüpft, das andere hatte ich mir als große Schlaufe quer über die Schulter gelegt. Ich schwamm einige Meter, das Seil spannte sich, es gab einen Ruck, ich wurde abgebremst und dafür schnellte jetzt das Boot ungesteuert ein paar Meter voran. Das ergab keinen Rhythmus, der stundenlang durchgehalten werden konnte. Es wurde auch nicht besser, als ich mir die Schlaufe um den Bauch band. Die Lösung sah folgendermaßen aus: Einer von uns legte sich als Außenbordmotor mit dem Oberkörper hinten auf das Boot drauf, der andere hängte sich vorne drunter und strampelte auf dem Rücken liegend. Hin und wieder tauschten wir die Position. Das erwies sich als Kraft sparend und dank der Taucherflossen zugleich als schnell. Schnell. – Was ist schon schnell? Dass wir vorankamen, sahen wir an unserer kleinen Bugwelle und der Strudelspur hinter uns. Ansonsten schien die Zeit still zu stehen. In gebührender Entfernung sahen wir einen Frachter auf seinem Weg ins benachbarte Kieswerk. Er fährt zweimal am Tag und wir hatte unsere Tour so geplant, dass wir ihm nicht einmal annäherungsweise in die Quere kommen konnten. Psira, Mirabello Bucht, Agios Nikolaos

Die Rechnung war aufgegangen, er war weit genug weg, schien aber auch still zu stehen. So wie alles stillstand. Wir waren zeitlos. Psira kam unspektakulär näher. Immer mehr Details wurden sichtbar: Felsen, Sträucher, Macchia und das einzige Schatten spendende Gewächs, eine wilde Olive oben auf dem Gipfel. Von Kreta aus betrachtet hatte es den Anschein, als könnte man innerhalb von einer Stunde kreuz und quer über die Insel marschieren. Aus der Wasserflohperspektive vor dem Ufer war es keineswegs mehr das kleine überschaubare Inselchen. Psira wurde riesig! Wir wählten den am schnellsten erreichbaren Punkt und landeten auf einer sanft ins Meer abfallenden Felsplatte, argwöhnisch beäugt von der einheimischen Bevölkerung, die nicht lange auf sich warten ließ: Große schwarze Ratten kamen uns erstaunlich nahe. Am liebsten wäre ich gleich losgestürmt, hinauf zum Gipfel, zu dem Ölbaum und von dort weiter zur antiken Stadt. Im Überschwang hätte ich jedoch beinahe meine Frau vergessen; ihr macht Hitze schwer zu schaffen. Schwimmen wir wieder zurück? So kurz vor dem Ziel? Wir bauen am Ufer ein Lager. Man könnte das Boot umdrehen und als Sonnensegel verwenden, gleiches geht auch mit einem Badetuch. Zu Essen und zu Trinken haben wir genug dabei. – Ich stecke eine Wasserflasche in die Schenkeltasche meiner Hose, hänge mir den Fotoapparat um und gehe los. Nicht hinauf zum Gipfel, sondern direkt zu der minoischen Stadt. Bis dahin dürften es so etwa zweieinhalb Kilometer sein.

Was ist die Steigerung von Off-Road? – No-Road! Es gibt keine Menschen und keine größeren Tiere auf Psira und somit auch keine Trampelpfade. Dafür gibt es Spinnen. Große, weiße Spinnen mit gestreiften Beinen, die ihre Netze trapezförmig zwischen Büsche weben. Sie überspannen dabei Distanzen von ein bis zwei Metern! – Ich habe das Gefühl, dass dies die wahren Herren der Insel sind und mache jedes Mal einen ehrfürchtigen Bogen um ihre Kunstwerke. Die Entfernung hatte ich ganz klar unterschätzt. Die zweieinhalb Kilometer treffen vielleicht auf die direkte Strecke übers Wasser zu, aber keinesfalls auf den Weg entlang der Küste. Diese ist tief von Buchten eingeschnitten und mein Marsch führt in der Regel steil am Hang entlang. Das Gelände erfordert einen leichten Trab mit Sprüngen von Felsblock zu Felsblock, über die tiefen Einschnitte, in denen der Winterregen ins Meer stürzt und über niedriges Gestrüpp. Zu langsames Gehen erfordert zu viel Kraft.

Es gibt zwei Möglichkeiten: Der direkte Weg über die Kämme, oder der längere Weg entlang der Küstenlinie. Der erste ist steiler als es den Anschein hat, obendrein müsste man gegen den Wuchs der Pflanzen ansteigen; der zweite ist deutlich länger, erlaubt aber Tuchfühlung mit dem Ufer. Trotzdem sind auch hier noch genügend Höhenmeter zu bewältigen. Nelli ist längst außer Sicht, da erlebe ich eine Überraschung: In einer engen Bucht, umrahmt von steilen Felsen, ankert eine kleine Yacht mit Sekttrinkern. Ein hübscher Anblick, dumpf dudelt die internationale Einheitshitparade aus den Bordlautsprechern herauf. Schon eine Biegung weiter sind sie nicht mehr zu hören und gleich wieder vergessen. Die alte Stadt hat Würde. Sie liegt auf einem breiten Hügel, der spitz im Meer versinkt.

Der größte Teil, so wurde mir gesagt, befinde sich unter Wasser. Doch auch die Ruinen der Häuser, die seinerzeit 30 bis 40 Meter höher über dem Wasserspiegel gelegen haben, sind beeindruckend. Stimmenleer, unbelebt und doch nicht leblos. Hier wurde vor dreieinhalb Jahrtausenden geboren und gestorben, gelacht, geredet, gehandelt, gelogen, geliebt und gehasst. Hier entstanden Freundschaften, wurden Familien gegründet, entstanden und vergingen Dynastien. Strassen, Türstöcke, gepflasterte Innenräume, Stufen und Terrassen zeugen heute noch davon. … Eine steile Treppe führt hinunter zum Meer zu einer Art Hafen. Dort sammelt sich der Müll von heute: Plastiktüten und –flaschen, Styroporstücke, eine Schwimmflosse, dazwischen eine tote Möwe, grotesk verrenkt und mit gespreizten Schwingen. Ein Raum hat es mir besonders angetan. Der Boden ist gepflastert, die Außenwände sind mehr als nur Grundmauern, tragen sogar noch Reste von Verputz und es gibt einen Türstock. Der Raum liegt geschützt und bietet zugleich einen phantastischen Rundblick, er wäre ideal zum Übernachten. Wenn ich zurück bin, werde ich Nelli fragen: „Was hältst Du davon? Wir könnten doch einmal …“ Und was machen dann die Ratten? Unser Landeplatz ist zwar zu sehen, Nelli aber nicht.

Ohne wirkliche Hoffnung auf Blickkontakt besteige ich eine Mauer und winke. - Ich hätte noch lange bleiben mögen. Auf dem Rückweg wurden die Schatten bereits lang und länger. Wieder am Landeplatz angekommen, war Nelli verschwunden. Sie hatte sich Sorgen gemacht, war mir ein Stück entgegen gelaufen und hatte mich doch übersehen. - Ich sie übrigens ebenfalls. Irgendwo war sie ausgerutscht und in einen stacheligen Busch gefallen, die Kratzer sollte sie noch einige Tage als Andenken tragen. Um sie abzulenken erzählte ich ihr von Scherben, die ich auf halbem Weg gesehen habe. Sie sahen aus wie diejenigen der kleinen Gefäße, die in minoischen Gipfelheiligtümern aufgestellt waren. – Was es da wohl noch alles zu entdecken gibt?

- Wir müssen zurück. Auf halbem Weg kam die Nacht mit unglaublichem Sternenhimmel. Davor spielten wir „Welche Farbe hat der Himmel?“, ein Schauspiel, das man nur dann so intensiv verfolgen kann, wenn es keine Ablenkung gibt. Wieder scheint die Zeit still zu stehen. Gelegentlich fingert ein Autoscheinwerfer von der Uferstrasse zu uns hinüber, ansonsten gibt es kein Streulicht. Wir orientieren uns am Widerschein von Mochlos, stark genug, um uns den Weg zu weisen, zu schwach um zu stören. - Es ist kurios, stundenlang bis zum Hals in Wasser zu stecken und trotzdem aus Wasserflaschen zu trinken.

Der Mond geht auf. Vollmond. Und dann meine Schrecksekunde. Das Meer um uns leuchtet auf. Grün und Weiß. Alles blitzt! Jede Bewegung wird von einem Unterwasserfeuerwerk begleitet. „Das ist Meeresleuchten“, werde ich aufgeklärt, „hast Du noch nie Meeresleuchten gesehen?“ Ich habe schon viel gesehen, das nicht. – Hoffentlich ist es nicht irgendeine verklappte Chemiesuppe.

Ein Fischerboot kreuzt unsere leuchtende Strudelspur und sein Insasse fährt laut meckernd an uns vorbei. Ich verstehe ihn nicht und das ist wohl besser so. Ein Geruch von Rasenmäher bleibt uns noch eine Weile erhalten, dann herrscht wieder Stille. Langsam schiebt sich ein noch dunklerer Schatten vor die Nacht, wir müssen wieder in Ufernähe sein. Wie spät mag es wohl sein? Wie lange waren wir unterwegs? Wir hatten jedes Zeitgefühl verloren, es könnte auch zwei Uhr Nachts sein. Von Ankommen war jedoch noch keine Rede. Die Lichter von Mochlos sind immer noch weit weg und die Schattenberge bewegen sich nicht. Haben wir es mit einer widrigen Strömung zu tun? „Halt mal an!“ Ich löse mich vom Boot. Schwarz in Schwarz, nichts ist zu sehen. War da nicht ein Plätschern, direkt vor mir? Ich strecke tastend die Arme aus. Zwei Meter vor mir hebt sich eine noch dunklere Silhouette vom Sternenhimmel ab. Unsere drei Zacken. „Wir sind da!“

Das Licht in der Taverne von Gaby und Manolis wirkt befremdlich, ebenso das Stimmengewirr. Es ist elf Uhr, die beste Zeit für ein griechisches Abendessen und Retsina. Manolis: „Schon viele haben das versucht, Ihr seid die Ersten, die hin- und auch wieder zurückkamen.“ „Sind die anderen ertrunken?“ lachte ein Unbekannter an unserem Tisch. „Nein, nur haben sie die Kräfte verlassen, oder das Boot ist umgekippt und die Fotoausrüstung im Meer versunken … Da haben wir schon manche Katastrophe erlebt!“

Der Unbekannte entpuppte sich als ein Offizieller, der die Vorschriften und Bestimmungen kannte. „Nein, als Schwimmer braucht man keine Lizenz. Nur, nehmt vielleicht beim nächsten Mal eine Lampe mit, damit die Anderen euch sehen können.“ Wir plaudern. Im Westen ist es stockdunkel. Irgendwo da draußen ist Psira. „Nelli?“ „Ja?“ „Ich habe in der alten Stadt einen Raum gesehen, der hat hohe Wände und einen gefliesten Boden. Dort könnte man ein Nachtlager einrichten und wenn die Fischer sowieso nachts fahren …?“ © Peter Cronauer



Peter


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