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Dünen und eine vielfältige Sahara im Sperrgebiet von Süd-Tunesien
03.01.2004 - 00:39

Antwortet man auf die Frage nach seinem Urlaubsreiseziel "Tunesien", so ergänzt der Fragende höchstwahrscheinlich "und wohin fliegt ihr?" Sagt man jetzt, dass man für 2 Wochen mit dem Auto nach Tunesien reisen will, so erntet man selbst von guten Freunden nur ein mitleidiges Grinsen, schließlich gibt es doch so günstige Pauschalangebote mit dem Flieger. Um zur Aufklärung beizutragen, füge ich hinzu "wir machen eine kleine Wüstentour". Wüste in Tunesien? Gibt es die dort schon? Da fahren doch immer die Jeeps der Touristenhotels ihre Gäste nur an den Rand der Wüste, und die ist dann in Algerien oder so? Aber auch in der Warteschlange der Geländeautos im Fährhafen Marseille musste ich feststellen, dass ich als Tunesientourist nicht so richtig als Wüstenreisender ernst genommen, ja sogar als Anfänger bloßgestellt wurde. Der Fahrer eines Nachbarfahrzeuges, das offensichtlich schon viele Pistenkilometer auf dem Buckel hatte, bemerkte sofort, dass auf meinen jungfräulichen Sandblechen noch das Därr-Preisschild klebte. "Und wohin wollt ihr mit den neuen Blechen", fragte er geringschätzig. "Nach Tunesien", meinte ich schon fast kleinlaut. Und eigentlich wollte ich noch selbstbewusst hinzufügen, dass ich schon vor über 20 Jahren bei Därr meine ersten Bleche gekauft habe. Aber der Nachbar hatte sich bereits desinteressiert abgewendet. Ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass der Angeber wahrscheinlich nur auf Pisten Kilometer frisst, während wir uns doch sogar 3 Tage quer durch die Sanddünen des Erg Orientals kämpfen wollen.
Das würde ich mich natürlich niemals allein oder mit Freunden trauen, aber wir reisen ja mit Sadok, der weiß, wie man über die Dünen fährt. Unsere Reisegruppe ist klein, ein etwas betagter Opel Frontera (ob der das schafft?), ein nagelneuer, hochgerüsteter Land Cruiser 90 Special, mein hausbackener Jeep Cherokee und Sadoks Nissan Patrol, das einzige Auto, das so richtig Expeditionscharme versprüht. Von Tunis aus haben wir es erst mal eilig, wir wollen nach Süden, die Einreiseformalitäten in Tataouine für das Sperrgebiet erledigen. Wir campieren bei den Höhlenwohnungen, es wird saukalt nachts in den Bergen, obwohl es schon Mitte April ist. Nicht weit hinter Remada endet die Teerstraße, die Piste ist gut gepflegt. Dennoch verlassen wie sie bald, um abzukürzen und ein bisschen off-road-Abenteuer zu erleben. Mal noch in Tunesien, mal schon in Libyen folgen wir "querbeet" der Angabe des GPS. Sadok will offenbar unsere Geländetauglichkeit testen.
Kurz vor Tiaret sind wir wieder auf der Piste, die jetzt immer sandiger wird. Das macht Spass: mit 80 Sachen über weiche Sandpisten. Und das kostet Sprit, der Bordcomputer zeigt aktuell 25 l/100 km an, aber die Lust gewinnt locker den Kampf gegen das Ökogewissen. Der Übernachtungsplatz kurz vor Bordj El Khadra ist genial. Am Fuss hoher Dünen, ein paar Palmen, Sadok kocht am Lagerfeuer zum ersten mal Tee. Grüner Tee, den er mit Minzöl angereichert hat. Kein Tee bei Nomaden, geschweige denn in Lokalen schmeckte so, einfach traumhaft. Ich vergesse meine tägliche Rotweinration, mit der ich mich sonst auf das Schlafen vorbereite. Gegen Mittag des folgenden Tages erreichen wir Bordj El Khadra, die südlichste Oase Tunesiens, das Dreiländereck mit Algerien und Libyen. Wir sind willkommen, eine Abwechslung, die offenbar nicht jeden Tag stattfindet. Wir tauschen Sandrosen gegen Bierdosen, der Wechselkurs passt, die Stimmung in der Gruppe ist sowieso gut. Am Nachmittag soll es in die Dünen gehen, einfach von Süden nach Norden, nach El Borma, so wie die tunesisch-algerische Grenze verläuft. Zwar kann ich mir in diesem Moment noch überhaupt nicht vorstellen, wie man das mit einem Auto schaffen soll, aber ich bin auch unendlich neugierig darauf. Plötzlich unterbricht Sadok unsere schläfrige Mittagsruhe, es wird ernst, Sadok erklärt die Grundregeln zum Dünen fahren. Woher nimmt der Mann nur das Vertrauen, dass wir das alles sofort können, dass jeder sein Auto beherrscht, dass keiner plötzlich in Panik verfällt, wenn er rundum nur noch von Sand umgeben ist und ständig stecken bleibt? Am Fuße der ersten festen Düne lassen wir Luft aus den Reifen und testen die Tragfähigkeit der Reifen. Sollte ich vielleicht doch noch ein paar Zehntel weniger Druck wählen, bevor ich gleich hängen bleibe? Wurscht, mit 1,5 bar wird es jetzt probiert. Hey und wie gut das klappt, ob erster oder zweiter Gang, der Cherokee wühlt sich lautstark aber unwiderstehlich durch den Sand. Das macht Spaß, das ist einfach irre. Und Uschi (meine Frau) gluckst vor Vergnügen, wenn wir wieder einen Anstieg geschafft haben.
Doch halt, da vorn ist jetzt ein sauhoher Dünenkamm, oh oh! Sadok hat ihn zwar schon erklommen und bleibt auf dem Kamm stehen, aber Heinz mit dem Frontera schafft es auch im zweiten Anlauf nur mit den Vorderrädern bis auf die Dünenkante. Sadok winkt, ich soll es daneben probieren. Ich will nicht stecken bleiben und nehme viel zu viel Anlauf. Sadok versucht aufgeregt gestikulierend mir klar zu machen, dass ich zu schnell bin. Zu spät! Den wild entschlossenen Blick gen Himmel gerichtet schießen wir über die Dünenkante hinaus, für einen Augenblick schwerelos. Dann kracht der Cherokee schwer und geräuschvoll in den weichen Sand. Wir stehen, Stille, der Motor läuft aber noch. Uschi fängt zu lachen an. Ich finde das überhaupt nicht lustig und bin davon überzeugt, irgend etwas ist gebrochen, Federn, Stoßdämpfer oder was weiß ich? Unter dem Auto ist nichts Auffälliges zu erkennen, beim Weiterfahren sind alle Geräusche total normal. Ist eben doch ein geiles Auto, der Cherokee!
Am Abend Lagerfeuer in den Dünen, Vollmond, Sadok kocht Gemüseeintopf mit unbekannter Fleischeinlage. Im Gasthaus hätten wir den Kellner wahrscheinlich gefragt, bei welchem Metzger er die Schuhsohlen gekauft hat und Heinz meinte ganz richtig, das Fleisch müsse von einem sehr großen Tier stammen. Es war Kamelfleisch, schmeckt neutral wie Rindfleisch, ist im Biss aber fester, an manchen Stellen schier unzertrennbar. In diesem Augenblick aber war es ein köstlicher Wüstenschmaus unter klarem Sternenhimmel. Der folgende Tag war der Tag der Dünen. Wie über jungfräuliche Tiefschneehänge ging es schwungvoll, elegant und ohne harte Stöße die Dünen hinauf, hinunter, von einer Schräglage in die nächste. Das macht Laune, ich liebe mein Auto. Und wir werden immer besser, bleiben kaum stecken. Dabei habe ich mir zu Hause tagelang den Kopf darüber zerbrochen, wie ich meine Sandbleche so am Dachträger befestigen kann, dass ich sie blitzschnell abnehmen bzw. montieren kann, sie aber trotzdem so bombenfest sitzen, dass sie auf Wellblech nicht klappern. Ganze 2 Mal habe ich sie an diesem Tag nur gebraucht. Wir haben mit Sadok eben auch einen alten Wüstenfuchs, der uns mit traumwandlerischer Sicherheit die ideale Spur vorlegt. Ein weiterer Dünentag brachte nach einer hohen, steilen Düne eine Überraschung: Am Fuß der Düne steht ein frisch verlassenes Rallyeauto der gerade beendeten Rallye Optic 2000. Hatten wohl den Gasfuß zu spät gelupft und dann einen Purzelbaum geschlagen, die Herrschaften, aber offensichtlich ohne Blessuren ihr Auto aufgegeben. Der Zündschlüssel steckt noch, nach den Gesetzen der Wüste gehört das Auto jetzt ein bisschen auch uns. Räder, Sandbleche, Gurte, Wagenheber usw. wechseln die Besitzer. Endlich hat unsere Frontera-Crew auch ein gescheites Equipment. Über El Borma (Dusche, Tankstelle) geht es weiter (Piste) nach Ksar Ghilane, einer Oase mit heißen Quellen und vielen Touristen. Die kommen vor allem gegen Abend mit den Hotel-Toyotas zum Sonnenuntergang gucken, der über den Sanddünen natürlich sehr malerisch ist. Die rent-a-camel-Unternehmer haben auch viel Kundschaft. So ein Wüstenrand schafft eben Arbeitsplätze wie ein Meeresstrand.
Leider sind die Dünen hinüber nach Douz nur noch kleine Sandhaufen oder Spielzeugdünen, wie Sadok sagt. Die hätten uns am Anfang der Reise vielleicht noch beeindruckt, aber jetzt? Dennoch müssen wir das letzte bisschen Sand noch genießen, ab Douz rollen wir wieder auf Teer. Ab jetzt geht eigentlich alles ganz schnell zu Ende, traurig, traurig. Freilich ist Speitla für Fans der Antike interessant und Kairouan ein schönes, orientalisches Städtchen, aber wir nehmen das alles nur noch oberflächlich wahr. Wir träumen von steilen Dünenfahrten, den Lagerfeuern bei Vollmond und Beduinentee, der unendlichen Weite und der unglaublichen Stille des Erg Oriental. Hey Sadok, das war eine Superreise, danke für die schöne Zeit. Warum sind wir uns nicht schon früher über den Weg gelaufen. Aber wir sind ja noch jung (50), da geht noch was.
© 2000 Text: Gerd Ulherr, Kitzingen Fotos: Gerd Ulherr und Ulf Kindermann www.saro-expedition.de


Saro Expedition


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