Kolumne
Betrachtungen zu den verschiedenen Kofferbauformen
13.10.2004 - 15:24

Bevor wir uns mit den gebräuchlichsten Bauformen beschäftigen, noch mal die wichtigsten technischen Voraussetzungen:

  • Das Gewicht muss so tief wie möglich sein
  • Im Idealzustand ist es zwischen den beiden Achsen auf dem Boden!

    Alles andere ist nur eine Verschlechterung!
    Dagegen helfen auch keine Verkaufsargumente!
    Das war's.
Der Rechteckkoffer:

Die idealste Raumausnutzung bietet ein ordinärer Rechteck-Koffer ohne grossen Überhang und ohne grosse Höhe. In der Summe der Eigenschaften ist es die günstigste Form. Diese Spezies ist weltweit erprobt und verbreitet ? Sehen Sie sich doch mal die rechte Spur auf der Autobahn an - LKW-Koffer bis zum Horizont.

Nur leider sind die meistens nicht so schick - deshalb haben viele "sogenannte" Expeditionsfahrzeuge einen angeschnittenen Bürzel - wir sind ja eine besondere Spezies.Dieser Bürzel ist statisch nicht besonders klug, dafür aber teurer in der Herstellung und daher besser für den Hersteller!

In Wirklichkeit ist er nur ein zu grosser, optisch etwas kaschierter Überhang, der weit hinter der Hinterachse hängt. Dort lässt sich trefflich viel stauen und aussen noch mal zwei komplette Reservereifen mit je 150 kg anbringen. Das freut die Hinterachse der gequälten Unimogs und deswegen sind die aus unerklärlichen Gründen immer wieder mal kaputt. Man müsste dies mal dem "Unimog-Schutzbund" melden!

Ist dieser Bürzel vielleicht die Eintrittskarte für den Club der "harten Expeditionsfahrer" oder hat er nicht Ähnlichkeit mit den Heckspoilern unserer Milchzahnrocker? Die LKW-Fahrer in Afrika und Asien, die ja tagtäglich diese Strecken fahren, die wir als "Expedition" bezeichnen, haben diesen Bürzel komischerweise nicht. Na ja, sind halt arme Völker und technisch noch nicht so weit?

Der Alkoven

So sollten Sie NICHT ausgerüstet sein, wenn sie gesund von Ihrer Expeditionsreise zurück kommen wollenOhne Alkoven wäre die heutige Campingindustrie am Boden zerstört! Auf guten Strassen und Campingplätzen hat er natürlich auf Grund seines guten Raumangebotes seine Berechtigung. Man darf nicht nur über ihn lästern, im Stand ist er allen Konstruktionen überlegen. Hierunter fallen nicht die kleinen Klapp-Alkoven, die maximal 30 cm über das Fahrerhaus reichen. Wie schon bereits am Anfang erwähnt, reden wir hier nur von echten Off-Road-Expeditionsfahrzeugen.

In der Kategorie Expeditionsfahrzeug und schwacher Pickup ist der Alkoven nur eine Lachnummer, da die Fahrzeuge schon ohne Alkoven technisch an Ihrer Leistungsgrenze sind. Mit dieser Konstruktion ist es endlich geglückt, alle schlechten Eigenschaften in einer Bauform zu vereinigen.

Grundprinzipien für den Fahrzeugaufbau

Beachten Sie, dass Ihr Fahrzeugaufbau folgenden Grundprinzipien gerecht werden:

  • Ihr Fahrzeug ist für den Langzeitgebrauch gedacht, es müss als Weltmobil den extremsten Bedingungen standhalten und soll Ihnen eine Umgebung bieten, in der Sie sich sicher und geborgen fühlen.
  • Der Aufbau muss in allen Details praxisbezogen gebaut und für Fern- als auch Langzeitreisen geeignet sein. Im Innenausbau sollte eine variable Modulbauweise verwendet werden, da sich ja Ihre Bedürfnisse und Ansprüche im Laufe der Zeit ändern.
  • Das Fahrzeug ist containertauglich, ohne Alkoven - sondern mit einem Hubdach. Dieses Hubdach sollte klappbare feste Seitenwände haben (zu kombinieren mit Moskitonetzen, ohne Netze, oder mit lichtdichten Neopren-Seitenteilen).

    Übrigens, containertauglich bedeutet in der Praxis eine Einfahrtshöhe von 226 cm in den Container, theoretisch bis zu 230 cm. Die berühmten Stahl- oder Aluscheiben anstatt der Reifen sind übrigens sehr problematisch. Stellen Sie sich vor, Sie versuchen nur auf der Felge, ohne Reifen drauf, 5 cm in den Container hochzufahren. Das Ding rutscht seitlich weg und macht nichts als Ärger. Ich wünsche Ihnen dazu gute Nerven und möglichst keine Beulen!
  • Stimmen Sie Ihren Aufbau werden auf das Fahrzeug unter Berücksichtigung der geltenden Naturgesetze ab. Das Ganze muss eine harmonische Einheit sein.

Achtung - ab hier lesen Sie auf eigene Gefahr weiter!

Natürlich können Sie auch mit einem Alkoven oder einem hohen Fahrzeug in die Wüste fahren, vielleicht noch oben drauf mit zwei Reservereifen - kein Problem - sagen Sie uns nur, nach welcher Seite Sie am liebsten umfallen, wo Sie den Rahmenbruch am liebsten hätten, welche Feder als erstes brechen soll und wie oft Sie einsanden möchten. Gerne werden wir Sie an andere Anbieter weiterreichen, denn diese Fahrzeuge gibt es schon und wir müssen Sie nicht erst erfinden und bauen!

Haben Sie schon mal einen Baumstumpf gesehen, der ohne Baum umgefallen ist? - Kaum, Sie sind alle nur umgefallen, solange noch der hohe Baum drauf war.

Merke: Nicht jeder, der "viel im Kopf hat", ist intelligent!

Auch wenns viele Kofferbauer tun: Sie bekommen keinen keinen Rabatt auf Naturgesetze!

Weiters "empfehlen" wir Ihnen, nehmen Sie ein möglichst kleines Auto mit wenig Zuladung, schwachem Motor und einem Fahrgestell das zu diesen Parametern passt! Dann fangen Sie an zu "tunen", nehmen einen Turbo, blasen den Motor auf, verstärken das Fahrgestell, kennen schon alle Leute beim TÜV und setzen als Koffer möglichst ein schweres Hochhaus drauf. Verstärkte Federn, Federspanner und sonstige Feinheiten sollten Sie sich nicht entgehen lassen - die sind schick und teuer! Nicht verzichten sollten Sie auf möglichst grosse und breite Reifen, es könnte sonst sein, dass Sie nicht in den Genuss eines Bruches an der Radaufhängung kommen.

Sie bezahlen hinterher vielleicht sogar das Doppelte, was gleich ein vernünftiges Auto gekostet hätte. Wir können sogar erahnen, was wahrscheinlich das kleinste Teil an dieser Konstruktion ist - könnte es das "Fachwissen" des Verkäufers sein? Wenn das alles so gut funktioniert, dann hätte der Hersteller doch das Fahrzeug gleich für diese Belastung ausgelegt - und zwar in allen Parametern!

Nehmen wir an, Sie können normalerweise 100 kg heben. Jetzt verstärke ich Ihre Arme und Beine mit irgendwelchen Bandagen und Sie können 120 kg heben. Das Problem ist nur, Ihr Rückgrat trägt von der Konstruktion nach wie vor nur 100 kg und wird bei der Überlastung geschädigt. Und wenn es nicht das Rückgrat ist, dann sind es die Bremsen, die Achsen, die Lager, die gesamte Struktur usw. usw.. 

Für technischen Unfug halte ich die Pickup-Absetzkabinen. Sie sind meistens sehr schwer und auf viel zu schwachen Autos aufgesetzt. Normalerweise, wenn am Fahrgestell nichts modifiziert wurde, hängen sie mehr recht als schlecht auf den Autos und schaukeln sich bösartig auf. Deswegen haben sie alle möglichen Zusatzanbauten, um ein einigermassen erträgliches Fahrverhalten vorzutäuschen.

Warum glauben Sie denn, haben diese Dinger auf Ausstellungen immer die Stützen am Boden, bzw. sind ohne Zuladung ?? Die Festzurrvorrichtungen auf der Ladefläche oder am Fahrerhaus haben in meinen Augen schon recht abenteuerlichen Charakter.

Pickup-Kabinen mit hohen Alkoven und langen Überhängen hinter einer kurzen Doka-Pritsche eignen sich hervorragend, um allen Naturgesetzen zu spotten.

Beim Elchtest der A-Klasse und dem Smart haben Sie ja auch innerlich süffisant gegrinst. Sie können jedoch sicher sein, dass das im Vergleich zu Ihrer Fuhre noch absolut sicher und beherrschbar ist!

Wenn Sie beim Bergsteigen einen riesigen, überhohen Rucksack, der beinahe so schwer ist wie Sie selbst, ca. einen Meter hinter Ihrem Rücken tragen und damit auch noch im Gelände rumhopsen, dann ist Ihnen eine Rückgratverletzung sicher, beim Auto heisst das gleiche Rahmenbruch, bei den Knieverletzungen sind's die Achsen usw. - nettes Spiel!

Rechnen Sie sich doch mal das Beispiel auf den Menschen übertragen aus und Sie werden entsetzt sein, dass Sie dann damit noch "geländegängig" sein sollen. Die alten Galeerensklaven hatten dagegen ja geradezu einen ruhigen, gesundheitsschonenden Job.

Mit Pickup-Kabinen werden wir uns später genauer befassen.

Wenn wir jetzt davon ausgehen, dass wir unsere 1000 kg Zuladung (ich werde Sie Ihnen später noch vorrechnen) bei unserem Fahrgestell und den Federn berücksichtigt haben, so dass wir diese Kabine überhaupt fahren können, dann sind wir redlich froh.

Dann kommt der nächste Hammer und wir setzen das Ding ab! - Der Hersteller sagt, ein bisschen kurbeln, das war's.

Bauen Sie jedesmal Ihr Fahrgestell um und bringen's wieder zum TÜV. Nein ? ,- na dann versuchen Sie mal mit Ihrem absolut stocksteifen Bock auf Kopfsteinpflaster bei Regen zu fahren. Vermutlich werden Sie lieber auf allen Vieren laufen, als mit diesem Ding zu fahren. Und jetzt wissen Sie auch, wozu die ganzen Federspanner, Fahrwerksverstärkungen usw. gut waren - für 1000 kg mehr!

Oder wie wär's mit einer vollen Ladung Adrenalin, wenn Sie um die Kurve hoppeln oder mit springender Hinterachse mal eine Notbremsung hinlegen? - Da brauchen Sie keinen Abenteuerurlaub mehr!

Haben Sie sich so die gelobte Alltagstauglichkeit vorgestellt?

Oder sind Rennfahrer blöde, die das Fahrwerk auf das Gewicht, die Streckenführung und die Oberflächenbeschaffenheit abstimmen? Für Sie als Huckepack-Fahrer gelten die Naturgesetze natürlich nicht?

1000 kg Zuladung sind übrigens nicht gleich 1000 kg Zuladung? Wenn Sie Ihrem Pickup 1000 kg Sand auf die Ladefläche tun, dann verträgt er das schadlos, wenn er dafür ausgelegt wurde. Wenn Sie ihm ein Hochhaus mit 1000 kg aufladen, dann hält er das auch schadlos aus, allerdings nur im Stand (statischer Zustand)!
Nehmen wir zur Vereinfachung an, der Bodendruck bleibt bei diesen plus 1000 kg. Der Sand liegt 30 cm hoch auf der Pritsche, und wir rechnen in vereinfachter Form auftretende Momente im dynamischen Zustand aus, ohne Berücksichtigung der Beschleunigung:

z.B. 1000 kg x 0,3 m = 300 mkg

Bei Ihrem Hochhaus sieht es anders aus:

1000 kg x 2,0 m = 2000 mkg

D a s verstehen wir unter der "gesamten Einheit"! Der Verkäufer hat damit keine Probleme, er hat daran verdient und sitzt zu Hause am warmen Ofen. Sie werden das Kind "da draussen" schon irgendwie "schaukeln"!

Ab jetzt wird's wieder ernsthafter.

Im Prinzip muss ein guter Expeditionskoffer nach zweit Prinzipien gebaut werden wie man schon immer Flugzeuge gebaut hat: Einen eigenstabilen, selbsttragenden Stahlrahmen, um den die "Bespannung" ist. Natürlich verwendet man dafür heute keinen Stahl mehr, sondern V2A, Aluminium, mehrschichtverleimte Sperrhölzer und zur Optik echtes Naturholz.

Falls Sie allerdings die anheimelnde Athmosphäre eines kahlen Krankenhauses oder die Nüchternheit einer Leichenhalle vorziehen, dann können Sie das Ganze natürlich überstreichen. Sollten Sie den Holzgeruch nicht mögen, dann simulieren Sie doch die Ausdünstung von Kunstharz und Hartschaum

Wenn Sie mit Familie fahren wollen, nehmen Sie die Familienmöbel mit, wenn Sie über die Dünen hopsen wollen nur das Nötigste und wenn Ihnen das Ganze nicht gefällt, dann bauen Sie sich eben selbst was. Sollte Ihnen der Partner abhanden kommen, dann entfernen Sie eben das zweite Bett! In dieser Variante bleiben auch die guten Fahreigenschaften Ihres Fahrzeuges erhalten, da Sie ja nicht von 1000 kg Zuladung auf 0 kg wechseln.

Über die Gewichte der verschiedenen Bauweisen, Ausdehnungskoeffizienten der verschiedenen Materialien usw. folgt ein separates Kapitel.

mit freundlichem Spott
Euer Willy

... mit freundlicher Erlaubnis von Willy Enzinger (www.dustdevil.de)



Willy


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