Kolumne
Grundsätzliches über Fernreisemobile
13.10.2004 - 15:21

Um überhaupt mal auf einen grünen Zweig zu kommen, müssen wir uns zuerst mal auf eine Definition einigen, was wir unter Fernreisemobil verstehen.

Wir verstehen darunter ein Fahrzeug, mit dem wir die ganze Welt bereisen können und das die dabei auftretenden Schwierigkeiten meistert.

Es muss für die geplanten Hauptreisegegenden und die dort zu erwartenden Belastungen gebaut sein. Die Anzahl der Personen und die Dauer der Reise müssen ebenso berücksichtigt werden, wie der angestrebte Grad der Unabhängigkeit.

Der Ablauf der Reise sollte nicht von den Fähigkeiten des Reisemobils sondern von unseren Wünschen und Vorstellungen diktiert werden. Wenn mein Fahrzeug nicht wirklich geländetauglich ist, kann ich nur den kleinen Teil der Erde erkunden, der mit Teerstrassen und Infrastruktur erschlossen ist. Dann brauch ich aber auch kein eigenes Fahrzeug, kann dort hinfliegen, einen Mietwagen nehmen und das war's dann auch!

Welche Eigenschaften muss ein Fernreisemobil haben?

  • Hohe Zuverlässigkeit des Fahrzeuges, leicht zu reparieren, möglichst keine Elektronik (Ersatzteilversorgung siehe gesonderter Punkt!)
  • Extreme Festigkeit der Kabine
  • Möglichst hohe Zuladung und viel gut zugänglichen Stauraum.
  • Allrad-Antrieb mit mindestens einer Differentialsperre hinten ist ebenso unabdingbar wie Geländeuntersetzung.
  • Ein extrem belastungsfähiger Rahmen muss als Rückgrat vorhanden sein. Selbsttragende Blechkarossen sind den auftretenden Kräften auf Dauer nicht gewachsen. LKW's haben ja auch massive Rahmen!
  • Es soll sich komfortabel fahren lassen, um die vor uns liegenden Strecken möglichst ermüdungsfrei zu überbrücken. Ein ergonomisches Fahrerhaus ist absolut wichtig, die Sitze müssen auf Fahrer und Beifahrer abgestimmt sein!
  • Es soll in Anschaffung und Unterhalt nicht zu teuer sein.
  • Selbstverständlich muss es ein sparsames Dieselfahrzeug sein.
  • Es muss genügend Treibstoff tragen können. Gemessen am Strassenverbrauch sollten es schon 2000 km sein, im Gelände reicht`s dann nur noch für 1000 km und da wirds dann schon mal knapp. Bei den heutigen Spritpreisen kann man damit schon mal mehrere teuere Länder durchfahren ohne tanken zu müssen.
  • Das Fahrzeug mit dem Wohnaufbau muss containertauglich sein um die Kosten der Verschiffung möglichst niedrig zu halten und sicherzustellen, dass das Fahrzeug bei der offenen Verschiffung nicht ausgeraubt wird.
    Sollte es nicht ausgeraubt worden sein, so hat es jedoch meistens rundrum eine Menge Beulen und sonstige Schäden.
  • Das Fahrzeug muss klein und wendig sein, darf maximal die Abmessungen eines kleinen Lieferwagens haben, die überall auf der Welt durchkommen.
    Enge Gebirgsstrecken mit ihren vielen engen Kurven und Kehren müssen damit noch fahrbar sein. Oft sind die Brücken für die dortigen Verkehrsmittel ausgelegt und das sind eben mal nur Ochsenkarrren. Da wollen Sie mit ihrem schweren Brummer den Fluss überqueren - die Piranhas warten da schon auf ihr "Essen auf Rädern". Je höher und breiter Sie sind, umso mehr haben Sie Probleme mit Astschlag - vor allem wenn Sie nur eine leichte GFK-Schicht aussen drauf haben - ein tiefer, bleibender Eindruck ist Ihnen gewiss.
  • Die Fahrleistungen sollten in etwa so liegen, dass man auf der Strasse nicht zum Hindernis für die anderen Verkehrsteilnehmer wird. Vom Motor brauchen Sie natürlich jede Menge Power im Gelände und tief gestaffelte Getriebe, um die Kraft auch richtig einsetzen zu können.
  • Grosse Reifen und eine vernünftige Bodenfreiheit sind dabei selbstverständlich.
  • Ein tiefer Gesamtschwerpunkt ist absolut notwendig!
  • Mit den grossen Brummern sind viele Gegenden der Erde oft nicht zu erreichen, da die Fahrzeuge zu breit, zu hoch, zu lang und zu schwer sind.
  • Das Fahrzeug soll eine angenehme Wohnatmosphäre haben, da es ja unterwegs Ihr Zuhause ist. Man muss sich darin wohlfühlen, es muss uns vor den Unbilden der Witterung und manchmal auch vor der Aufdringlichkeit der Bevölkerung schützen.
  • Es muss unsere hygienischen Bedürfnisse wie Toilette und Waschgelegenheit befriedigen, eines der wichtigsten Dinge ist ein gepflegtes Bett, in dem ich mich von den Strapazen des Tages erholen kann.
  • Natürlich muss es eine vernünftige Kochgelegenheit haben, denn wir wollen ja unser Leben nicht als Bettelmönch fristen.
  • Das "Reisemobil" muss sowohl vom Fahrzeug als auch vom Wohnaufbau eine Gesamteinheit bilden, die in all den Parametern wie z.B. Aufnahmepunkte der Kabine, Gewichtsverteilung auf den Achsen im beladenen und unbeladenen Zustand, Schwerpunktwanderung, Einleitung von Kräften in den Koffer, bzw. den Rahmen, Abstimmung der Federung auf den Aufbau/Rahmen/Gewicht usw. usw. zusammenpasst.

Wenn diese Punkte nicht erfüllt werden, wird man über kurz oder lang das Reisen satt haben und sich wieder in sein komfortables Zuhause zurücksehnen - Oder wollen Sie freiwillig ein Leben führen wie ein Vertriebener auf der Flucht?

Die kleinen Pickup's sind mit komfortablen Wohnkabinen für längere Fernreisen meistens hoffnungslos überladen. Sie können nicht ausreichende Wasser- und Treibstoffvorräte mitnehmen. Fehlende Nutzlast für Lebensmittel, Kleidung, Werkzeug und Ersatzteile schränken Ihren Abenteuerdrang und den Grad der Unabhängigkeit von der Zivilisation massiv ein.

Hinter vorgehaltener Hand (die Wüste können Sie damit natürlich schon durchqueren - aber nur auf der Teerstrasse)! Machen Sie's eben wie manch andere - fahren Sie 30 m von der Strasse runter in den Sand, machen Sie ein paar tolle Aufnahmen und weiter geht's!

Wenn man all diese Punkte berücksichtigt, kommt man zweifellos zu dem Schluss, dass das Verfahren: Man nehme ein Fahrzeug, baue darauf einen Koffer und habe dann ein Expeditionsfahrzeug der absolute Schwachsinn ist und das sicherste Mittel um viel Geld zu vernichten.

Beim grössten Teil der "kleinen" Expeditionsfahrzeuge ist das Basisfahrzeug hoffnungslos überladen, der Schwerpunkt zu hoch, der Rahmen überbelastet und der Kofferaufbau den auftretenden Kräften auf Dauer nicht gewachsen, was man an den Rissen sieht.

Es sind unfahrbare, schwankende Ungetüme, die nicht mal mehr auf der Autobahn vernünftig zu bewegen sind!

Wir kennen so manche Besitzer dieser Pickup-Kabinen, die mit einem HZJ75 dann noch 65 km/h auf der Autobahn schaffen, 130er Landrover mit 4 to Gesamtgewicht oder Nissan's für 70.000,-- Euro die nur noch zum Wegwerfen gut sind.

Und die Leute erzählen dann, wie toll das alles im Gelände funktioniert (sie glauben dran, denn Sie waren noch nicht dort) oder sie sind ehrlich und fragen, ob wir einen Dummen wissen, der das Ding kauft - Preis VB!

Der Entscheidungsweg sollte am besten folgender sein:

  1. Welche Länder und Kontinente möchte ich bereisen
  2. Wie lange sollen die Reisen dauern
  3. Wie viele Personen muss ich unterbringen
  4. Wieviel Platz brauche ich dafür (Wohnaufbaugrösse)
  5. Wieviel Wasser, Sprit, Nahrungsmittel, Kleidung, Werkzeuge usw. muss ich für die max. Reise mitnehmen?
  6. Addieren Sie das Gewicht der genannten Punkte und der Menschen und das Gewicht des dafür notwendigen Wohnaufbaus. Und seien Sie äussert misstrauisch bei den angegebenen Gewichten der Hersteller, addieren Sie lieber 30% dazu. Bei uns können Sie sich das sparen, wir zeigen Ihnen den Wiegeschein!
  7. Und erst jetzt können Sie sich mit der Auswahl des Basisfahrzeugs beschäftigen.

Und wie ich schon mal an anderer Stelle sagte:
Es ist wie bei der Partnerwahl: Es ist sehr teuer und ärgerlich, wenn Sie sich für den falschen entschieden haben!

mit freundlichem Spott
Euer Willy



Willy


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