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Ayers Rock im Rään – mit dem Wohnmobil durchs matschige Herz Australiens
22.03.2005 - 20:00

Wir schreiben Samstag den 22. Mai. Es ist Spätherbst im Herzen Australiens. Schon bei der Ankunft in "The Alice" bei strahlendem Sonnenschein, frotzeln wir über Mülltonnen, voll mit großen Regenschirmen, die neben der Taxiway zum Flughafengebäude stehen. Es wird doch wohl nicht regnen? Und wenn, dann bitte nur die paar unbedingt notwendigen 22 Millimeter, die für den Mai in der Wüste vorgesehen sind. Die Temperaturspanne in Alice Springs reiche derzeit von 8 – 23 Grad, die Luftfeuchtigkeit liege bei 55%, behauptet unser Reiseführer. Wegen dieser angenehmen Aussichten hatten wir den Mai und den Juni für unsere Tour von Alice Springs zum Ayers Rock und wieder zurück, bis nach Darwin, gewählt.

Weil wir den Camper bei KEA als one-way gebucht hatten, mußten wir unser ganzes Gepäck auf der Reise mitnehmen und konnten - nicht wie sonst – die Koffer beim Vermieter lassen. Schon im Jahr zuvor waren uns die flammneuen Autos von KEA und Apollo in Neuseeland aufgefallen. Firmen, die gerade ihre Flotte erneuern, haben immer die derzeit besten und am wenigsten störanfälligen Autos - so unsere langjährige Erfahrung mit Mietmobilen. Der KEA Camper war ganz prima. Wir bekamen wegen der langen Mietzeit von vier Wochen gleich mehr als doppelt so viel Wäsche und räumten unseren ganzen Kram mühelos in den großen Alkoven. Dazu gab es noch einen Tisch, bequeme Stühle und einen großen Sonnenschirm. Auf den Gasgrill verzichteten wir. Der Camper war 6,4 Meter lang, 2,25 Meter breit und hatte ein Ford Transit Chassis mit 2,8 Liter Diesel; alles neu, sauber und voll funktionsfähig. Nach dem Einkaufen machten wir uns auf den Weg. 165 Kilometer nach Süden, den Stuart Highway hinunter, gibt es einen schönen Rastplatz. Hier war erst einmal Feierabend, Abendessen und Ausschlafen angesagt. In der Nacht regnete es ziemlich heftig. Am Morgen zeigte sich die Landschaft wieder sonnig und der Platz ziemlich matschig. Umherliegende Pfützen größeren Ausmaßes deuteten an, daß die 22 Millimeter wohl genau heute Nacht gefallen waren.

Nach Tee und aufgebackenen Brötchen machen wir uns auf Richtung "Uluru" wie der Ayers Rock richtig heißt. Uluru bedeutet "schattiger Platz" in der Sprache der Ureinwohner. Wir biegen vom Stuart auf den Lassiter Highway ein. Jetzt geht es immer nach Westen. Bis zum Uluru Nationalpark zeigt die Karte drei Rastplätze mit Wasser an. Der letzte liegt nur 28 Kilometer vor der Parkgrenze, den sparen wir uns für die Rückfahrt auf. Wir bleiben stattdessen auf dem Platz mit Blick auf den Mount Connor, einen 70 Millionen Jahre alten Tafelberg, mitten in der australischen Wüste. Erst am folgenden Morgen fahren wir die restlichen 118 km. Der Nationalpark ist zunächst einmal eine kleine Enttäuschung. Das Zentrum, das Ayers Rock Ressort, gibt kaum etwas her. Alles ist furchtbar touristisch. Der Campingplatz ist eng und teuer. Aber wir kommen ja nur zum Schlafen hierhin. - Halt, wir sind noch gar nicht im Nationalpark! Das Ressort liegt knapp außerhalb seiner Grenzen und kanalisiert den Tourismus in dieser Gegend. Genau so sieht es auch aus. - Also nichts wie weg, rein in den Park. Hier ist es ruhig. The Rock, das Symbol des 5. Kontinents, liegt majestätisch in der Mittagssonne, wir machen erst einmal einen Erkundungsgang und dann Mittagspause. Sonnenuntergang wird heute um 18:06 sein. Wir stehen parat mit Kameras und Stativ. Wolken kommen auf, aber es lohnt sich, wir haben richtiges Glück. Der Fels, tagsüber stumpf rostrot, leuchtet im letzten Sonnenlicht glutrot, wie von innen beleuchtet, immer intensiver auf. Unser Traum, einmal den Ayers Rock zu besuchen, hat sich erfüllt. Es ist faszinierend. Wir sind allein in der weiten, buschbestandenen Landschaft. Um uns herum herrscht eine regelrecht sakrale Atmosphäre. Wir können die Aborigines gut verstehen, die den Fels zum zentralen Motiv ihrer pantheistischen Religion gemacht haben. Hinter uns rollen dunkle, regenschwere Wolken heran. Um 18:40 packen wir unser Zeug zusammen und fahren in der schnell einbrechenden Dunkelheit zum Campingplatz zurück.

Am nächsten Morgen stehen wir um 6:00 Uhr auf, fahren noch im Stockdunklen zum Sunrise Strip und suchen uns einen guten Platz. Wieder haben wir Glück, der Sonnenaufgang um 7:18 ist vielleicht sogar noch spektakulärer als der Sonnenuntergang von gestern abend. Zunächst hebt sich der Fels in einer feiner Linie vom nicht mehr ganz nachtschwarzen Himmel ab. Dann gewinnt er an Violettönen. Der Gipfel färbt sich hochofenglutrot. Die Sonne wandert langsam den Hang abwärts, bis der ganze Felsen im frühen Sonnenlicht erstrahlt. Ich ziehe wieder mehrere Rollfilme durch die Mamiya und mache zusätzlich ein paar Kleinbildaufnahmen mit der Nikon. Dann gibt’s erstmal Frühstück. Leider zieht es sich nun vollkommen zu. Die attraktiven Fotowolken am Himmel verdichten sich zu dicken, schweren Regentürmen. Um acht Uhr prasselt der Regen los. Es regnet heftig. Es gießt wie aus Eimern! Wir können kaum glauben, dass Regenwolken, die von Tasmanien quer über den halben, trockenen Kontinent hierher ziehen, noch so viel Feuchtigkeit enthalten können. Pfützen bilden sich um das Auto herum, die schon bald zu kleinen Seen werden. Nach 90 Minuten laufen die ersten Rinnsale die Berghänge herunter. Wir haben viel Zeit. Eigentlich wollten wir den 10 km Fußweg um den Uluru nehmen. Doch schnell bildet sich eine Pfützenmeer, es ist kein Durchkommen mehr. Jetzt fahren wir langsam die Ringstraße ab. Fast niemand mehr da. Es schüttet pausenlos, mal sehr heftig, dann wieder gleichmäßig stark. Nach neun Stunden Geprassel beobachten wir überall Wasserfälle, die den nunmehr fast blaugrauen Berg herunterstürzen. Man sieht nur noch die Hälfte der ehemals 348 Meter Höhe. Wir nutzen das Auto als mobile Fotoplattform, bauen das Stativ in der Eingangstür auf und fotografieren so aus dem Trockenen die reißenden Wasserfälle am Mala Walk. Wir sind ziemlich verblüfft. Mit solchem Regen haben wir einfach nicht gerechnet. - Keine Regenklamotten dabei. Draußen sind es nur etwa 15 Grad. Um 17:00 geben wir auf und fahren zum Camp. Hoffen auf den nächsten Morgen.

Gut 40 mm Regen sind gestern gefallen, die doppelte Monatsmenge. Wie kann es sein, daß so ein bißchen Regen zu solchen Wasserfällen wird ? Der Taschenrechner zeigt es schnell an: Der Uluru bedeckt eine Fläche von etwa 6,16 Quadratkilometern, das sind grob 6,2 Millionen Quadratmeter mal 40 Liter Wasser. Macht fast eine Viertelmilliarde Liter Wasser, die es da in den letzten Stunden allein auf den Uluru geregnet hat. Diese Viertelmillion Kubikmeter fließen über die Hänge wieder ab. Bei Regen ist das also nicht nur ein schattiger, sondern auch ein nasser Platz. Eine Oase in der roten Wüste.

Langsam wird es trocken, aber es ist noch tief bewölkt. Die Wasserfälle laufen noch immer. Wir machen uns wieder zum Rock auf und wollen die Fälle aus der Nähe fotografieren. Dazu parken wir am Mutijulu Parkplatz und waten in kurzen Hosen und Badelatschen durch eine tiefe, rostrote Brühe zum Pool und seinem kristallklaren Wasserfall. Obenrum ist allerdings die Fleeceweste und der Baumwollanorak angesagt, es ist empfindlich kühl. Und es regnet wieder. Wir zweckentfremden unseren Sonnenschirm, den einzigen Regenschutz, den wir bei uns haben. Der ist schön groß und - mit PVC bespannt - ziemlich wasserdicht. Einige Wanderer gucken, als wären wir nicht ganz dicht. Doch so bleiben Stativ, Kamera, Fotorucksack und wir selbst zumindest obenrum prima trocken. Wassermangel ist jetzt kein Problem mehr. 

Überall in der Wüste stehen große Pfützen. Selbst die Ringstraße ist stellenweise bis zu 40 Zentimeter überflutet. Gott sei Dank ist sie asphaltiert, denn unsere Räder graben sich tief in den roten Matsch der Parkbuchten. Am nächsten Vormittag wird es wieder besser. Der Himmel reißt auf und die Landschaft fängt an zu dampfen. Jetzt ist nicht mehr die obere Hälfte des Uluru in Wolken, sondern die untere liegt in einer Art Bodennebel.

Im Nordwesten sieht es besser aus und wir fahren zu den Olgas. Kata Tjuta "Viele Köpfe" nennen die Anangu, der hiesige Stamm der Aborigines, diese Konglomeratfelsen. Sie bestehen aus mehr oder weniger grobem, horizontal geschichtetem Konglomerat und sind stark zerklüftet. Der usprünglich zusammenhängende Felsblock ist im Laufe von Jahrmillionen durch Erosion zu rundlichen Kuppeln (die Köpfe) und Tälern geformt worden. Immerhin bedecken die Olgas eine Fläche von rund 40 Quadratkilometern. Mount Olga, die höchste Erhebung, liegt 1.069 Meter über dem Meeresspiegel und erhebt sich 546 Meter über die Ebene.

Die Felsoberfläche des Uluru ist im Vergleich zu den Olgas sehr glatt und besteht aus feldspat- und eisenreichem roten, vertikal geschichtetem Sandstein, der in Schuppen erodiert. Es sieht ein bißchen so aus, als würde der Stein rosten und dieser Rost dann abplatzen. Es gibt zwar auch hier Konglomeratbänder, aber nur wenige. Weitere Erosionsformen sind die "Water Pockets": Löcher im Sandstein, in denen das Wasser stehenbleibt. "Das Gehirn" ist eine solche ausgeprägte, weithin sichtbare Ansammlung von Wassertaschen im Sandstein. Der Uluru ragt 348 Meter über die hier vollkommen flache Ebene hinaus und hat einen Umfang von 8,8 Kilometern. Er ist ein sogenannter Monolith, also ein Fels aus einem Stück, der als Inselberg der Erosion besser widerstanden hat als das umgebende weichere Gestein, das im Laufe der Zeit immer mehr abgetragen worden ist.

Doch zurück zu den Olgas. Hier kann man auch ein bißchen in die Felslandschaft hineinwandern. Es gibt ausgewiesene Wanderwege und einige Wassertanks, wo man seine Feldflasche wieder füllen kann. Das ist derzeit aber nicht unser Problem. Wir sind froh, daß der Regen aufgehört hat und die "Köpfe" wieder ihre rostrote Färbung zeigen. Wir parken am "Valley of the wind". Die Parkplätze sind winzig. Mai ist nicht gerade die Hochsaison und trotzdem ist der Parkplatz voll. Wir fragen uns, was wohl zu Saisonzeiten hier los sein mag und vor allem, wo die Leute dann parken sollen. Eine Herde Dromedare zieht durch die Sanddünen, die mit Spinifexgras und Wüstenkasuarien bedeckt sind und die Olgas umgeben. "Wüstenschiffe" mitten im Outback, werden Sie sich jetzt vielleicht fragen? Der will uns veräppeln, glauben Sie? Mitnichten! Noch bis Mitte der 1970er Jahre gab es keine richtige Straße zum Ayers Rock, sondern nur eine Sandspur des Touristenbusses von Alice Springs zum "Yulara Camp" und einmal um den Berg herum. "Yulara" bedeutet "Platz des heulenden Dingos." Privat konnte man leichter hierher fliegen als fahren. Kamele oder Dromedare waren schon viel früher nach Australien gebracht worden, weil sie dem Klima angepaßt, nur wenig Wasser brauchen und sehr erfolgversprechend für Expeditionen ins rote, trockene Herz des Landes erschienen. Viele dieser Tiere kamen frei, büxten ihren ungeübten Europäern aus und machten sich unabhängig. Ein Teil davon lebt heute wild im Northern Territory und bereichert die Fauna.

Überhaupt wird das Northern Territory von den übrigen Aussies doch etwas belächelt. Nur ca. 156.000 Leute, davon 37.000 Ureinwohner, leben in einem Gebiet, das dreieinhalb mal so groß wie Deutschland ist. Die Zeit läuft hier – schon wegen der großen Hitze in der meisten Zeit des Jahres - einfach langsamer ab. Die allgemein gültige Abkürzung N.T. wird deshalb auch von den anderen Aussies folgendermaßen interpretiert: Not Today, Not Tomorrow, Not Tuesday, Not Thursday, in No Time. Man sollte bei genauen Verabredungen also mit größeren Verzögerungen rechnen.

Abends haben wir wieder einen spektakulären Sonnenuntergang am Sunset Point. Hier gibt es einen langen Parkstreifen für vielleicht 100 Autos. Der Vordergrund ist Buschland, so daß ein Platz auf dem Autodach die beste Fotoposition wäre, aber wir haben keine Leiter und wissen auch nicht, ob das Dach trägt. Also muß das voll ausgefahrene Stativ und der Stuhl zum Draufstehen reichen.

Auf der Rückfahrt nach Alice Springs sehen wir das ganze Ausmaß der Regenfälle: Die unbefestigten Outbackpisten sind alle nicht passierbar, auch nicht für Allradfahrzeuge. Der Todd River fließt (!) durch The Alice. Das hat es zuletzt vor 14 Jahren gegeben. Und auch die MacDonnell Range versinkt im Matsch. Man hätte also auch gar nicht über den Mereenie Loop von Kings Canyon nach Hermannsburg fahren können. Nebenbei bemerkt ist diese Strecke für unser schönes, neues Fahrzeug auch seitens des Vermieters untersagt. Damit fiel leider auch der Abstecher zum Henbury Meteoriten Krater aus. Wir machen uns also weiter auf, um neue Steinformationen im Norden zu erleben: Die Devils Marbles haben es uns angetan. Bis dorthin regnet es. Das breite Wolkenband zieht weiterhin von Tasmanien kommend diagonal bis Nordwest Australien und bringt immer neue Niederschläge.

Camping an den Devils Marbles

Die Teufelsmurmeln liegen gut 400 Kilometer nördlich von Alice Springs direkt am Stuart Highway. Granitblöcke sind durch extreme Verwitterung zu gewaltigen Granitkugeln verwittert. In der Mythologie der Aborigines sind diese Kugeln die Eier der Regenbogenschlange. Eine schöne Vorstellung, die zum Land und unserer Stimmung paßt.

Die Teufelsmurmeln stemmen, dazu braucht man erstmal ein stabiles Frühstück.

Fazit unserer Tour: El Nino ist an allem Schuld. Aber man kann es auch positiv sehen. Wir sind gekommen, um Uluru zu erleben. Ich habe meinen Wunsch erfüllt bekommen, die Lichtstimmungen morgens und abends zu genießen und auf einem guten Dutzend 120er Fijichrome Velvia 50 zu bannen. Der Regen und seine besondere Atmosphäre waren ein Geschenk dazu. Noch schöner wäre es gewesen, wenn er eine Woche früher wieder aufgehört hätte.

Im Heißluftballon über dem Uluru. (Foto: Australisches Fremdenverkehrsamt)

Was wir nicht geschaft haben: Den Flug über den Uluru mit dem Heißluftballon. Das gibt es zwar nur in Verbindung mit einem affigen Sektfrühstück hinterher, aber der Ausblick muß atemberaubend sein, wie das Foto des australischen Fremdenverkehrsverbandes zeigt. Und wir haben auf die Besteigung des Rock verzichtet, weil wir dann irgenwie doch von der Atmosphäre her nachvollziehen konnten, daß dies ein Heiligtum seiner Besitzer ist. Man klettert schließlich im Petersdom auch nicht auf dem Altar rum. - Man sollte sich als Reisegast immer so verhalten, daß man sein Gastland mit allen seinen Regeln respektiert. Aber das ist meine ganz persönliche Meinung.


© Text und Fotos:  Achim Kostrzewa
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akostrzewa


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