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Faszination Antarktis - Logbuch einer "anderen" Offroad-Expedition
28.01.2005 - 01:05

Abreise Frankfurt Flughafen am 5.1. - 23:00 Nachtflug nach Buenos Aires. Übernachtung dort. Stadtrundfahrt, Weiterflug nach Ushuaia. Einschiffung auf ein sehr bequemes, mittelgroßes Kreuzfahrtschiff mit hoher Eisklasse, das in dieser Konfiguration (Reederei, Name, Flagge) nicht mehr fährt. Wir sind ca. 120 Gäste und sprechen Deutsch, Englisch und Spanisch und sind nicht voll ausgebucht. Diese Reise wird aber von allen Anbietern durchaus ähnlich/vergleichbar angeboten. Start- und Endpunkt sind dieses Mal jeweils Ushuaia in Feuerland.

1. Tag - Sonntag:

Ushuaia Endlich erreichen wir den Flughafen von Ushuaia, der südlichsten Stadt der Welt. Nach einem ruhigen Flug von Buenos Aires hat der Pilot für uns eine Extrarunde über den sonnenbeschienenen Beaglekanal gedreht.

Das regnerische Buenos Aires ist vergessen. Kaum aus dem Flugzeug gefallen, werden wir zu den vier wartenden Bussen dirigiert, unserer Pässe beraubt und zusammen mit unseren 36 argentinischen “Leidensgenossen” im Zentrum von Ushuaia ausgesetzt. Als erstes zeigt uns der örtliche Reiseleiter das Gefängnis der Stadt. Sonntags ist auf der Hauptstraße San Martin gar nichts los. Wir kaufen Briefmarken und Postkarten und viele von uns ergattern das begehrte “Certificado” als Beleg für den Stadtbesuch. Zum Glück mußten wir uns nicht um unser schweres Gepäck kümmern, das direkt auf unser Schiff gebracht wurde.

Wir können uns deshalb auf unseren bevorstehenden Tagesausflug nach Feuerland (Tierra del Fuego) freuen. Wir verlassen Ushuaia Richtung Nordosten auf der Panamericana Richtung Rio Gallego vorbei an Campingplatz, Skilift, beleuchteter Langlaufloipe, Biberwiesen, schneebedeckten Gipfeln und sattgrünen Südbuchenwäldern (Nothofagus) und erreichen zum Mittagessen das Restaurant. Salat, Lamm vom Spieß, “Asado“ genannt, und Feuerland-Kaffee füllen die hungrigen Bäuche. Die schnellen Esser schaffen noch einen Besuch bei den Schlittenhunden. Anschließend geht es weiter zum Lago Escondido. Der versteckte See ist der Endpunkt unseres Ausfluges. Pünktlich um 16 Uhr checken wir am Counter ein.

Mit dem Schiff ans Kap Hoorn - Foto: © Achim KostrzewaUm 18 Uhr legen wir mit Kurs auf die Drake-Passage ab. Vor dem Abendessen ist die Seenotrettungsübung für alle Passagiere obligatorisch. Danach erfolgt die Zodiaceinweisung und die Vorstellung des Reiseleiter- und Lektorenteams - zu dem auch wir wieder mal gehören - und die Fächer Biologie, Geographie, Geologie und Photographie (so geschrieben entspricht es mehr einer ernsthaften Arbeit als dem „Knipsen“) vertreten. Ein langer Tag, der früh morgens um 3 Uhr mit dem Aufstehen in Buenos Aires begann, geht seinem verdienten Ende entgegen. Wir sind endlich auf See.

2. Tag Auf See (Mittagsposition: 58 ° 03’ S 063 ° 37 ‘ W)

Im Laufe der Nacht haben wir den Beagle–Kanal mit Kurs in Richtung Aitcho Island verlassen und die offene See erreicht. Um 9:30 Uhr beginnt unser offizielles Tagesprogramm. In der Panoramalounge erwartet uns die Biologie-Lektorin Dr.Renate Kostrzewa zu ihrem Diavortrag “Einführung in die Antarktis”. Für alle Gäste folgt der obligatorische IAATO-Vortrag (IAATO = eine Naturschutzorganisation der Antarktisfahrer) vom Expeditionsleiter Henryk Wolski über das richtige Verhalten in der Antarktis. Nach dem Mittagessen werden die Gäste antarktismäßig mit rotem Parka und Gummistiefeln eingekleidet.

Die Drake-Passage ist noch sehr ruhig, wir kommen schnell voran. Ständige Begleiter, insbesondere am Heck des Schiffes, sind Riesensturmvögel, Kapsturmvögel, Schwarzbrauen- und Wanderalbatrosse. Zwischen 16 und 17 Uhr überschreiten wir die Antarktische Konvergenzlinie. Ab hier wird das Meer richtig kalt. Nach dem Kaffee stellt die Lektorin uns die “Pinguine – Herrn im Frack” vor. Am Abend heißt der Kapitän seine Gäste herzlich Willkommen und macht uns mit seinen Offizieren bekannt. Der Erste Offizier erweist sich dabei als humorvoller Übersetzer ins Spanische. Wir haben viel Spaß an der lockeren Atmosphäre im Club. Das anschließende Dinner belegt eindeutig, warum unser neuer Spitzenkoch so schlank ist: “Er gibt uns alles”, wie der Kapitän in süffisanter Rede bemerkt.

Zügelpinguin mit zwei Jungen - Foto: © Achim Kostrzewa

Das sind die Stars unserer Reise: Pinguine - hier: Zügelpinguine mit älteren Jungen (oben), sowie Eselspinguine (ebenfalls mit Nachwuchs, unten links) und die dritte Art, die wir regelmäßig sehen sind die Adeliepinguine, die von den drei Arten am weitesten in den Süden vordringen (unten rechts).

Eselspinguin mit zwei Jungen - Foto: © Achim KostrzewaAdeliepinguine dringen am weitesten in den Sueden vor - Foto: © Achim Kostrzewa

3. Tag: Auf See und Aitcho Island (Mittagsposition: 62° 31’ S 059° 30’ W)

Wir dachten gestern abend noch, wir hätten Glück, und die Drake-Passage wäre bei ruhigem Seegang so schnell passiert, daß wir schon morgens die erste Anlandung auf Aicho, einem kleinen Eiland der Südshetlands, unternehmen könnten. Aber der Wettergott will es anders, die Drake Passage zeigt ihren eigentlichen Charakter. Ab 2:00 Uhr nachts frischt der Wind bis auf neun Beaufort auf. Das Schiff stampft trotz der Stabilisatoren in der Dünung. Wir haben Schneetreiben und müssen die Geschwindigkeit auf die Hälfte reduzieren. Morgens ist klar, daß wir nicht rechtzeitig in Aitcho ankommen und wegen des Windes auch nicht landen können. So wird mein Vortrag über “Tipps für die Fotographie in der Antarktis” auf 9:30 vorgezogen. Um 11:00 gehen wir zur Seevogelbeobachtung auf das Lidodeck. Wir sehen Kapsturmvögel, Schwarzbrauen-Albatrosse, Riesensturmvögel und sogar zwei Schneesturmvögel.

Am Mittag kann die Brücke zwei Buckelwale an Steuerbord melden, die ihren typischen Blas, eine Wassersäule beim Ausatmen, ausstoßen. Da sich das Wetter wieder ändert, wollen wir die Anlandung auf Aitcho doch versuchen: Antarktisfahrer sind halt flexibel. Um 14:30 booten wir die erste Gruppe nach Aitcho aus. Hier erwarten uns Zügel- und Eselspinguine, ein fast weißer Riesensturmvogel, Buntfuß-Sturmschwalben fliegen durch die Bucht und sogar über uns weg. Braune Skuas und Dominikanermöwen drangsalieren die Pinguine. Auch der Weißgesicht-Scheidenschnabel flattert einmal zwischen den Pinguinen, um ihnen den Nahrungsbrei für die Pinguinjungen abzujagen. Zum Schluß der ersten Gruppe fängt sogar kurz die Sonne an zu scheinen. Nach der zweiten Gruppe sind wir alle pünktlich um 18:00 zurück an Bord. Um 19:00 laden die Lektoren zum “Recap” ein, der täglichen Zusammenfassung unserer Beobachtungen.

Adeliepinguin-Kolonie nahe Peterman Island - Foto: © Achim Kostrzewa
Noch besser als Pinguine allein sind Adeliepinguine mit Landschaft. Kolonie auf Petermann Island.
Fotos: © Achim Kostrzewa

4. Tag: Snow Hill Island, Wedell See, Paulet Island (Mittagsposition: 64° 21’ S 057° 01’ W)

Unser Schiff im sonnendurchtränkten Weddell Meer. Alles ist auf Ausguck. - Foto: © Achim Kostrzewa Schon ab früh morgens werden wir mit traumhaftem Wetter verwöhnt. Eisberge und die ersten Tafeleisberge schwimmen an uns vorbei. Unsere erste Anlandung geht nach Snow Hill Island, einer schneebedeckten Insel in der Wedell See, die historisch große Bedeutung hat. 1902 ließ sich hier der schwedische Wissenschaftler Otto Nordenskjöld mit fünf Männer absetzen, um zu überwintern. Nordenskjöld wollte bei der Überwinterung Fossilien sammeln, um paläontologische Beweise für früheres, tropisches Leben in der Antarktis zu finden. Die Hütte steht heute unter Denkmalschutz. Die drei kleinen Kammern, die ehemalige Küche und der kleine Arbeits- und Wohnraum mit einem Ofen lassen nur ahnen, unter welchen Bedingungen die Wissenschaftler den Winter bei Kälte und Sturm verbracht haben. Außerdem sind einige Fossilien zu bestaunen. Landschaftlich ist die Insel von einer Welt aus Eisbergen eingerahmt. Unser nächstes Ziel ist Paulet Island. Die Rückfahrt durch die Weddell See erfolgt nicht so schnell wie geplant. Morgens noch eisfrei, hat die Strömung nun viele Eisberge und Eisschollen in den Schiffahrtsweg gedriftet. Bei herrlichem Sonnenschein gleiten wir langsam durch diese unendliche Glitzerwelt. Alle sind begeistert und kommen aus dem Staunen nicht heraus. Weddellrobben ruhen auf manchen Schollen, Kapsturmvögel, Braune Skuas, Antarktiskormorane und Riesensturmvögel ziehen an uns vorbei. Nachmittags hält Dr.Renate Kostrzewa einen spannenden Vortrag über die “Entdeckungsgeschichte der Antarktis”. Um 16:45 Uhr kreuzt der amerikanische Forschungs-Eisbrecher “Nathaniel B. Palmer” unseren Weg. Eine halbe Stunde später holt der Ruf “vier Orcas auf der Backbordseite” alle an Deck. Da wir erst um 20 Uhr Paulet erreichen können, reagiert die Küche sehr flexibel. Um 18 Uhr steht das Abendessen bereit, damit alle für die Ausbootung gestärkt sind.

Eisberge im Weddell-Meer - Foto: © Achim Kostrzewa
Eisberge im Weddell-Meer. Foto: © Achim Kostrzewa

Die kleine Insel Paulet ist nahezu kreisrund und zeigt einem typischen Schicht- bzw. Stratovulkan. Nach längerer Zodiacfahrt begrüßen uns schon gleich am Strand Adeliepinguine und einige Weddellrobben. Das beeindruckende an Paulet sind die Hunderttausende von brütenden Adeliepinguin-Paaren. Selbst in den Berghängen bis zum Kamm brüten Vögel. Viele haben schon kleine Junge, die beim Adelie ein einheitlich braunes Dunengefieder zeigen.

Auch auf Paulet begegnen wir den Überresten der Nordenskjöld-Expedition. Als das Schiff “Antarctic” (nach der der Antarktic Sound benannt ist) die Expeditionsmitglieder abholen will, gerät sie in eine Eispressung und sinkt 40 km vor Paulet. Elf Havaristen unter Führung des norwegischen Kapitäns Larsen retten sich auf diese Insel. Auf einer kleinen Anhöhe liegen die Reste ihrer Überwinterungshütte. Sie bauten die Hütte notdürftig aus den Steinen, die es vor Ort gab. Doch bei Sturm und Kälte muß es ganz schön gezogen haben. Heute werden ihre Grundmauern von Adeliepinguinen als Brutplätze genutzt. Braune Skuas und Dominikanermöwen suchen im Tiefflug über der Kolonie nach Beute. In Ufernähe brüten auch Blauaugenscharben bzw. Antarktiskormorane. Um 22:00 Uhr verläßt das letzte Boot die Insel. Der Spätimbiß findet heute großen Zuspruch. Abends ist es draußen trotz antarktischem Hochsommer ganz schön frisch.

5.Tag: Brown Bluff und Forschungsstation Esperanza (Mittagsposition: 63° 27’ S 056° 53’ W)

Brown Bluff - Die Adeliepinguine fest im Sucher - Foto: © Achim Kostrzewa Schon früh morgens geht es bei Sonnenschein wieder los. Brown Bluff ist eine 745 m hohe Klippe aus feingelagerter gelbbrauner Vulkanasche mit Einschlüssen von Lava. Hier setzen wir zum ersten Mal auf unserer Reise Fuß auf den antarktischen Kontinent. Der etwa 3 km lange Strand ist von zwei Gletschern eingerahmt. Auf der eisfreien Strandflate brüten überwiegend Adelie- und auch Eselspinguine. Wir beobachten die Pinguine beim täglichen Gang zum “Fischen”: Sie haben dafür eine ganz besondere Feindvermeidungsstrategie. Da im Wasser Gefahren in Form von Orcas oder Seeleoparden lauern, springen sie in großen Gruppen fast gleichzeitig ins Wasser. So verwirren sie durch ihre schiere Zahl den Beutegreifer und haben als Einzelner dadurch ein wesentlich geringeres Risiko. Am Strand lagen insgesamt fünf Weddellrobben. Im Schuttkegel unterhalb der Felswand brüten Dominikanermöwen. Man konnte ihre Jungen dort stehen sehen.

Esperanza heisst Hoffnung - Foto: © Achim Kostrzewa
Esperanza - Glauben Sie mir, es gibt nur häßliche Zweckbauten in der Antarktis.
Foto: © Achim Kostrzewa

Nachmittags haben wir eine weitere Anlandung auf dem antarktischen Kontinent in der Hope Bay und besuchen die argentinische Forschungsstation “Esperanza”. Insgesamt leben hier 40 Argentinier, davon sieben Kinder im Alter zwischen fünf und 17 Jahren. Wir besuchen das Museum, die Schule, den Kindergarten, die Radiostation und den Dorfladen. Man bemerkt als Besucher den Stolz ihrer Einwohner. Die Station ist ein richtiges Dorf in der Antarktis. Wer Glückwünsche von hier an seine Lieben über Kurzwelle senden möchte, schreibe an folgende Adresse:

LRA 36
Radio Nacional
ARCANGEL SAN GABRIEL
Base Antarctica Esperanza
Territorio Antarctico Argentino
Republica Argentina 9411

Hier finden wir nun die Überreste des Winterdepots der Nordenskjöld-Expedition. Damit haben wir in zwei Tagen alle drei historischen Plätze dieser Expedition kennengelernt. Zum Abschluß besuchen wir die bei der Station gelegene Adeliepinguin-Kolonie. Aufgrund der aufkommenden Winde müssen wir zum Schiff zurück.

Esperanza - Blick in die Hope Bay im Abendlicht - Foto: © Achim Kostrzewa
Esperanza - Blick in die Hope Bay mit Adelies in Abendlicht.
Foto: © Achim Kostrzewa

Der Abend klingt nach Recap und dem Shackelton-Abendessen mit einem fulminanten Vortrag unseres Expeditionsleiters Henryk Wolski “Mit Arved Fuchs auf den Spuren von Shackelton” aus. Henryk ist mit Arved und einigen anderen in einem winzigen Boot die Shackelton Tour nachgesegelt.

6.Tag: Yankee Harbour und Half Moon Island (Mittagsposition: 62° 31’ S 059° 48’ W)

Gleich morgens um 8:30 Uhr erreichen wir den kleinen Naturhafen Yankee Harbour auf Greenwich Island, eine der Südshetland-Inseln. Eine Landzunge bildet die geschützte Bucht, auf der wir entlanggewandert sind. In den Eselspinguinkolonien beobachten wir zahlreiche Jungvögel. Zügelpinguine sind nur wenige anwesend. Immer wieder sehen wir Pinguine im kleinen Süßwasser-See schwimmen. Die Braune Skua ist überall auf der Insel präsent. Einige Paare brüten im Geröll und wir sehen zwei ihrer Jungen. Sie bauen keine Nester, denn ihre Küken sind Nestflüchter. See-Elefanten und Weddellrobben ruhen am Strand. Um 11:30 plaziert sich ein Seeleopard auf einer Eisscholle am Strand !! Wir stehen da und staunen über diese wirklich seltene Beobachtung. Am Ufer ist noch ein alter Trantopf aus der Zeit der Robbenschläger Ende des 18. Jahrhunderts übriggeblieben. In ihm wurde das Fett von Pinguinen und Robben zu Heiz- und Lampenöl gekocht. Damals haben die Menschen noch auf ihren Schiffen gelebt, wenn eine feste Station nicht erforderlich war. Daher finden wir hier keine Stationsruinen. Interessant ist die karge Vegetation. Die Südshetlands liegen klimatisch noch so günstig, daß sich kleine Moospolster halten können und viele Krustenflechten die Steine bedecken. Da die Vegetationszeit in der Antarktis extrem kurz ist, gedeiht alles sehr langsam. Die Flechten wachsen im Durchmesser etwa 1mm in 10 Jahren. Viele der kleinen, runden Vegetationsflecken müssen deshalb einige hundert Jahre alt sein.

Mensch und Pinguin auf Half Moon Island. - Foto: © Renate Kostrzewa Um kurz nach 12 Uhr begegnen wir auf unserem Kurs der MS Hanseatic. Wir haben noch Zeit für ein schnelles Mittagessen, dann steht der nächste Anlandepunkt schon auf dem Programm: Half Moon Island. Von dieser Insel blicken wir bei strahlendem Sonnenschein auf die Gletscherwelt von Livingston. Half Moon selbst macht seinem Namen durch seine Form alle Ehre. Wir beobachten Zügel- und wenige Eselspinguine. Die Braune Skua nutzt die Felssäulen als Ausgangspunkt für ihre Jagd auf Pinguin- Küken. Über der Insel kreisen Antarktis-Seeschwalben, die hier eine kleine Brutkolonie haben. Die argentinische Sommerstation Camara ist derzeit nicht besetzt. Noch vor dem Abendessen gibt es einen einen Vortrag zur Geologie der Antarktis “Erde im Wandel – Geomorphologie und Plattentektonik”.

7.Tag: Cuverville Island, Paradise Bay und Port Lockroy (Mittagsposition: 64° 44’ S 062° 38’ W)

Esperanza - Blick in die Hope Bay im Abendlicht - Foto: © Achim Kostrzewa
Cuverville - Abendstimmung. Foto: © Renate Kostrzewa

Der heutige Expeditionstag beginnt gleich morgens mit der Anlandung auf der kleinen, tiefverschneiten Insel Cuverville. Nur auf den wenigen eisfreien Plätzen gibt es kleine Brutkolonien mit Eselspinguinen. Wir können daher nur den steinigen Ufersaum begehen. Die Pinguine haben mit der Zeit richtige Pfade in den Schnee getreten, auf denen sie weite Strecken vom Brutplatz zum Nahrungsgebiet im Meer und wieder zurück wandern müssen. Dieses Jahr liegt auf der Insel sehr viel Schnee, deshalb sind die Eselspinguine mit ihrer Brut sehr spät dran. Überall sieht man die Nester aus kleinen Steinen. Die meisten bebrüten noch ihre Eier. Diese Spätbrüter haben nur wenig Chancen, ihre Jungen großzuziehen, da Ende Februar schon wieder die Herbststürme drohen. Außerdem unternehmen wir eine Zodiactour durch Buchten vor Cuverville, in denen zahlreiche Eisberge driften. Ein Eisberg hat ein riesiges Eistor ausgebildet, das die Fotografen- und Videofilmer-Herzen höher schlagen läßt. Wir drehen Runde um Runde mit den Zodiacs um dieses Eistor.

Mit den Zodiacs ums Eistor - Foto: © Achim Kostrzewa

Um 11:30 legen wir ab. Unser Schiff gleitet nun langsam durch die enge Passage des Errera-Kanals. Die Sonne scheint zwar nicht, Eis und Schnee sind trotzdem großartig beleuchtet. Nach dem Mittagessen steht die Paradise Bay auf dem Programm, die wir wegen der Eisverhältnisse erst eine Stunde später als geplant erreichen. Im Zodiac erleben wir trotz Schneetreibens eine einzigartige Gletscherwelt. Hohe Gletscherwände mit großen Spalten und Rissen rahmen diese geschützte Bucht ein. Manchmal reißen die Wolken etwas auf und wir erahnen das umgebende Gebirgspanorama von bis zu 1.100m hohen Bergen. Zahlreiche Eisberge driften im Wasser. Diese Landschaft ist so großartig, daß sie vor 90 Jahren sogar die harten Walfänger-Herzen berührte, und sie ihr den Namen Paradiesbucht gegeben haben. Almirante Brown liegt in der Paradiesbucht - Foto: © Renate Kostrzewa Als roter Farbtupfer in dieser weißblauen Gletscherwelt liegt die argentinische Station Almirante Brown auf dem antarktischen Festland. Nachdem sie 1984 durch den verzweifelten Stationsarzt, der nicht noch einen dritten Winter in der Antarktis verbringen wollte, einer Brandstiftung zum Opfer fiel, wird sie seit 1996 wieder erneuert. Der Aufbau ist z.Z. jedoch wegen der Rezession in Argentinien ins Stocken geraten. Derzeit liegt die Station verlassen da. Wir beobachten Antarktis-Kormorane, die in einer Felswand hohe Nester gebaut haben und 3-4 Junge großziehen. Zahlreiche Seeschwalben zeigen uns ihre eleganten Flugkünste.

Abends wird eine weitere Anlandung nach Port Lockroy auf Goudier Island im Neumeyerkanal angeboten. Hier treffen wir auf den russischen Eisbrecher “Kapitän Dranitsyn”. Die britische Forschungs-Station spielte insbesondere 1957/58 im Internationalen Geophysikalischen Jahr eine wichtige Rolle, als man zu Zeiten des Kalten Krieges erstmals international koordinierte Forschung in der Antarktis betrieb. Vier bis neun Leute lebten hier und forschten in den Fächern Meteorologie, Geologie und Botanik. Die ab 1962 verlassene Station ist 1996 als historische Stätte wieder aufgebaut worden. Im Shop können wir durch den Kauf von Karten und Büchern zum Erhalt der Station beitragen. Angeschlossen ist ein kleines Museum. In der alten Küche, im ehemaligen Gemeinschaftsraum und im Forschungslabor fühlt man sich in die damalige Zeit zurückversetzt. Um die Station brüten Eselspinguine. Wegen der großen Schneemenge haben die Pinguine auch hier erst spät mit der Brut begonnen. Deshalb gibt es noch keine Jungvögel. Zwischen den Brutvögeln sucht der kleine Weißgesicht-Scheidenschnabel als antarktischer Resteverwerter nach Nahrung.

Harte Maennerarbeit: Ausbooten im eiskalten Wasser - Foto: © Achim Kostrzewa

Das Ausbooten ist mal mehr mal weniger schwer. In flachen Wasser müssen wir alle mit anpacken und die Wellen abpassen, um die neun Mann im Boot raus zu schieben.

8.Tag: Lemaire Kanal, Neumeyerkanal, Whale Watching in der Gerlache Straße (Mittagsposition: 65° 03´S 063° 54’ W)

Unas' Tits (am Kap Renard) vom Lemaire Kanal aus. - Foto: © Renate KostrzewaSchon am Morgen gleiten wir mit unserem Schiff langsam durch den ruhigen Lemairekanal. Den Nordeingang auf der Festlandsseite flankiert der 747 m hohe Doppelgipfel des Kap Renard, der in der Seemannsprache nur Una´s Tits, nach einer vollbusigen Falklandschönheit, heißt. Auf der Seeseite begrenzt Booth Island den Kanal, der etwa 11 km lang und an der schmalsten Stelle knapp 600 m breit ist. Die umgebenden Berge erheben sich bis 1.000 m Höhe. Man hat das Gefühl, man fährt wie durch eine Schlucht. Eisberge spiegeln sich im Wasser, Krabbenfresser-Robben ruhen auf den Eisschollen. Am Südausgang macht die Packeisgrenze unserer Weiterfahrt nach Petermann Island ein Ende. Schon kurz vor dem Eis erkennt man eine scharfe Grenzzone mit kaltem, sehr zähflüssigem Wasser. Es ist so kalt, daß dieses Wasser schon eine dünne Eishaut aufweist. Adeliepinguine stehen am Packeisrand.

An der Packeisgrenze ist die Fahrt zu Ende. - Foto: © Achim Kostrzewa
Hier ist unser Fahrt am Ende, wir sind kein Eisbrecher.
Am Packeisrand warten die Pinguine auf Beute - Foto: © Achim Kostrzewa
Eisberg mit Adeliepinguinen

Anlandung in Neko Harbour auf dem antarktischen Festland - Foto: © Renate 
KostrzewaDa keine Weiterfahrt möglich ist, bietet der Kapitän für alle Gäste eine Zodiaktour an. Während die Zodiakgruppen einmal den Lemairekanal aus einer anderen Perspektive kennenlernen, folgt uns das Schiff. Leider nimmt der Schneefall zu und die umgebende Bergwelt ist wolkenverhangen. Auf einer Eisscholle ruhen drei Krabbenfresser-Robben. Trotzdem haben die Gäste viel Spaß, zumal Glühwein und Suppe, draußen auf den Zodiacs serviert, wieder wärmen. Zurück auf dem Schiff legen wir den Rest des Lemairekanals zurück, wobei uns ein kleines, britisches Segelschiff entgegen kommt. Unsere Fahrtroute geht wieder nach Norden durch den Neumeyerkanal. Da wir erst spät um ca. 18 Uhr Neko Harbour erreichen werden, hält Renate Kostrzewa einen außerprogrammäßigen Vortrag über das Eis: “Antarktis - Eine Welt aus Eis und Schnee”. Da die Bucht von Neko Harbour zu vereist ist und schon das Scoutboot fast steckenbleibt, setzen wir unsere Fahrt fort.

Als Highlight des Abends lassen sich mehrere Buckelwale blicken. Da der Kapitän den Walen langsam folgt, ist auf der Brücke schnell Hochbetrieb. Ausnahmsweise werden sogar beide Seitentüren geöffnet, da die Wale mal auf Backbord-, mal auf Steuerbordseite entlangschwimmen. Etwa 1,5 Stunden beobachten wir mehrere Buckelwale nahe am Schiff. Sie zeigen uns ihren Blas und ihre Fluken. Manchmal winken sie mit ihren Brustflossen. Da man schon dicht unter der Wasseroberfläche ihre weißen Flossen erkennt, können wir sie gut verfolgen. Einige Male sieht man auch ihren großen, flachen Kopf, der etwa ein Drittel der Körperlänge einnimmt. Deutlich hören wir ihr Schnaufen beim Atmen. Wenn der Wind günstig steht, kommt einem ein “Duft” von Krill aus ihrem Maul entgegen. Leicht verfroren, aber happy klingt der Abend in der Bar aus.

9.Tag: Deception Island, Pendelum Cove (Mittagsposition: 62° 57´S 060° 38’ W)

Morgens um 7:30 werden die Gäste zum warmen Bad im Pendelum Cove auf Deception Island getrieben. Bei starkem Wind nehmen 40 Gäste die Zodiacfahrt auf sich. Zumindest werden sie von oben geduscht, denn die Wellen sind heftig. Einmal pro Reise muß man in der Antarktis etwas naß geworden sein, damit der Begriff “nasse Anlandung” auch Sinn macht, meint unser Expeditionteam. Das vorletzte Boot schafft es gerade noch aufs Schiff, weil der Wind stark zunimmt. Meine Kameras schmeiße ich in wasserdichter Tasche in dieses vorletzte Boot und bitte meine Frau Renate über Funk, meine Kameras zu bergen.

In der Caldera von Deception Island - Foto: © Achim Kostrzewa Dann stehen wir da: der Erste, Henryk und ich. Die drei letzten vom Expeditionsteam und kommen nicht mehr weg. Das Zodiac treibt vor uns in den Wellen. Der Fahrer schafft es nicht, mit dem Heck voran zu uns zu kommen. Wir stehen tief im kalten Wasser und ich habe Angst vor dem Propeller des Außenborders. Wir laufen etwa 500 Meter am Ufer lang, dort scheint das Wasser tiefer zu sein. Und dort versuchen wir es erneut. Ein zweites Boot hat unser Zodiac an die lange Leine genommen und jetzt kommt das Boot mit dem sicheren Bug zuerst ans Ufer. Henryk und ich hechten kopfüber hinein. Ich bin jetzt bis zur Brust naß. Unser Erster hilft noch das Boot etwas zu drehen, was dann vom zweiten Zodiac mit der Leine vollendet wird. Wir helfen ihm an Bord. Er hat keinen trockenen Faden mehr am Leib und war bis zum Scheitel im Wasser, das in der Vulkancaldera glücklicherweise gut über Null Grad warm ist. Wir düsen zum Schiff und erklimmen das Sidegate. Jetzt erstmal raus aus den nassen Klamotten und lange heiß duschen. Seit 2004 ist es Pflicht, vor der Anlandung von Leuten genügend Überlebensausrüstung an Land zu bringen. Das beruhigt auch die Expeditionsleitung, das können Sie mir glauben! - Wir hatten nichts. Nur die nassen Klamotten am Leib. Andererseits ist es in all den Jahren nur dieses eine Mal vorgekommen, dass wir solche Schwierigkeiten mit dem Ausbooten hatten.

Da im Neptune´s Bellow Windstärke 11 herrscht, heißt es für uns “abwarten!”. Der Anker hält das Schiff nicht bei dieser Windstärke, also kreisen wir insgesamt 75 Seemeilen in der Bucht mit Maschinenkraft. Nun sind wir Lektoren gefordert. Um 11:30 erwartet die Gäste ein Vortrag über “Wale – Giganten der südlichen Meere”. Nachmittags folgt mein Vortrag über die “Tierparadiese der Welt” mit Bildern aus Alaska, der Serengeti Tansanias, den Falkland Inseln, Südgeorgien und von der Antarktischen Halbinsel. Thema ist die Artenvielfalt und ihre landschafts- und tierökologischen Grundlagen, also die einfache Frage: warum gibt es wo soviele oder nur sowenige Tiere? Zum abendlichen Recap kreisen wir immer noch in der Caldera von Deception und sind für ihren Schutz vor dem Sturm dankbar. Um 21:00 verlassen wir nach mehr als 11 Stunden Kreisens Deception via Neptune’s Bellow. Mitten in der schmalen Fahrrinne liegt hier ein Wrack, deshalb konnten wir nicht bei Querwind raus. Später hat der Wind etwas gedreht und es klappt. Draußen erwartet uns Sturm der Stärke 11-12.

10.Tag: Drake Passage, Seetag (Mittagsposition: 61° 23´S 063° 10’ W)

Um 5:00 erreichen wir die Drake Passage. Wir haben 4 m hohe Wellen. Tagsüber halten die Lektoren zwei Vorträge: Morgens “Robben – das Leben im südlichen Meer” und nachmittags “Antarktis und Arktis – ein ökologischer Vergleich”. Sonst ist Ausruhen angesagt. Wir diskutieren unseren Reiseerfolg: Die Petermann Insel war uns wegen des Eises versagt geblieben, aber sonst hat alles geklappt. Eine erfolgreiche Reise mit vielen neuen Eindrücken liegt fast hinter uns. Abends, nach dem Kaptain’s Dinner, wird die Seekarte unserer Reise verlost. Der Erlös von insgesamt 2.200 € geht zur Hälfte je an den Antarctic Heritage Trust und an die Crewkasse. Der Abend klingt mit Shanties des Crew-Chores aus.

11.Tag: Drake Passage, Kap Hoorn (Mittagsposition: 56° 01´S 067° 14’ W)

Kap Hoorn vom Schiff aus - Foto: © Achim Kostrzewa
Kap Hoorn vom Schiff aus - strahlender Sonnenschein ist eher selten.
Foto: © Achim Kostrzewa

Nachdem wir die Drake Passage glücklich verlassen haben, fahren wir jetzt über dem Kontinentalschelf Richtung Kap Hoorn, das wir mittags erreichen. Vorher gibt es noch einen letzten Vortrag unseres Lektorenteams über „Seevögel“ und anschließend einen zünftigen Frühschoppen im Club.

Obwohl es sehr windig ist, klappen die Zodiaklandungen auf Kap Hoorn doch noch. Kap Hoorn ist kein eigentliches Kap, sondern eine nur 2x6 km große Insel mit dem Namen “Isla de Hornos”, der südlichste Außenposten des südamerikanischen Kontinents. Die Insel erhebt sich bis 441 m über das Meer. Besonders während der Herbst- und Wintermonate gibt es hier orkanartige Stürme, denen bis Anfang des 20. Jh. ca. 15.000 Seeleute zum Opfer fielen. Seit 1843 ist das Kap chilenisches Territorium.

Bei unserem Besuch beginnt pünktlich die Sonne zu scheinen. Der Wind ist allerdings so stark, daß wir beim Rundgang fast wegfliegen. Wir können aber gut nachvollziehen, wie berüchtigt das Kap wegen seiner Stürme für Segelschiff gewesen sein muß. Es gibt einen Leuchtturm, eine kleine Kapelle "Stella Maris" und eine Funk- und Wetterstation. Die Familie, ein Sergeant mit Frau, einem Kind und zwei Hunden ist gerade eingezogen und wird für ein bis zwei Jahre hier leben. Einerseits muß das chilenische Militär hier ein wenig Flagge zeigen, andererseits muß der Leuchtturm betrieben werden. Auf einer kleinen Anhöhe steht das Ehrendenkmal zum Andenken der auf See gebliebenen chilenischen Seeleute. Das 1992 errichtete Metallmonument besteht aus zwei Dreiecken, die so gestellt sind, daß die ausgeschnittenen Teile die Kontur eines fliegenden Albatros zeigen. Auf dem Gedenkstein steht folgendes Gedicht (dt. Übersetzung):

Albatros Denkmal auf dem Kap - Foto: Renate Kostrzewa

Ich bin der Albatros, der am Ende der Welt wartet.
Ich bin die vergessene Seele der toten Seefahrer,
die über die Weltmeere kamen, das Kap Hoorn zu umschiffen.
Aber sie starben nicht in den tosenden Wellen.
Sie fliegen heute auf meinen Schwingen der Ewigkeit entgegen
Mit dem letzten Aufbrausen der antarktischen Winde.

Unsere Reise geht mit diesem letzten Highlight „Kap Hoorn“ allmählich zu Ende. Nach Recap und Abendbrot klingt der Abend feucht-fröhlich an der Bar aus.


Zu den Fotos: wir verwenden überwiegend Kleinbild. Renate immer ihre leichte F801s mit 3,3-4,5/24-50 und 2,8/80-200 AF Objektiven. Ich benutzte seit vielen Jahren eine F4s mit manuellem 3,5/18, 2,8/28, AF 1,8/85 und AFS 4/300 plus 1,4 fach Konverter sowie Einbein- oder Dreibeinstativ von Manfrotto. Alles nur Originalobjektive sehr guter Qualität. Film ist überwiegend Fujichrome Sensia 100, wenn möglich auch Velvia. Wenn ich ganz wild aufs Bildermachen bin, schleppe ich auch noch meine Mamyia 645s mit 3,5/35, 2,8/55, 3,5/150 und 5,6/300 ULD mit, wie auf dieser Reise. Der aufmerksame Leser wird bemerkt haben, dass hier auch Bilder von Plätzen zu sehen sind, wo wir auf dieser Tour gar nicht anlanden konnten. - Ätsch, wir waren halt öfter da.


© Text und Fotos: Renate und Achim Kostrzewa
mit weiteren Fotos von © Renate Kostrzewa ,
Postfach 1209, D-53904 Zülpich
mehr von uns finden Sie auf: www.antarktis-arktis.de
dort finden Sie auch unser neues CD-ROM Buch
"Antarktis für Kreuzfahrer" mit 300 weiteren Bildern.



akostrzewa


gedruckt am Heute, 06:57
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