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Wohnmobil extrem – durch Patagonien im GAIBU Chaoscamper
03.01.2005 - 13:29

Wir fahren Wohnmobile seitdem wir nach kurzem Zeltintermezzo das Reisen mit Auto und Hotel an den Nagel gehängt haben, also seit 23 Jahren. Die Freiheit, zu stehen, wo man möchte, gibt es in Europa mittlerweile kaum noch, von wenigen Ausnahmen z.B. in Nordschottland oder Lappland einmal abgesehen. Also drängte es uns seit nunmehr 15 Jahren in die Ferne: Alaska, Kanada, Südwest-USA, Neuseeland und Australien. Dort ist alles prima mit großen Wohnmobilvermietern erschlossen und organisiert. Doch diesmal sollte es einmal etwas anderes sein. Das Pendant zu nordischen Landschaften findet sich auch im südamerikanischen Patagonien.

Das Fitz Roy Massiv in der Abendsonne
Das Fitz Roy Massiv in der Abendsonne © Foto: Achim Kostrzewa

Südchile und Feuerland kannten wir schon vom Schiff aus. Die abwechslungsreichen Landschaften und freundlichen Menschen dort hatten uns begeistert. So beschlossen wir, Patagonien in eigener Regie zu bereisen. Der einzige Vermieter in Patagonien sitzt in der walisischen Gründung Trelew (Treleo ausgesprochen), eine Dependance von GAIBU mit Hauptsitz in Buenos Aires. GAIBU bietet seine Wohnmobile über das Internet an. Die Ansprechpartnerin des kleinen Reisebüros zu Hause spricht perfekt spanisch, wir nicht. Das Internet-Angebot sieht einigermaßen verlockend aus: ein neuer Fiat Ducato Scheibenbus zum Camper umgebaut mit 3 Wege Kühlschrank, Gaskocher, Chemie-Toilette und 70 l Wassertank, sogar mit Dusche und 30l Warmwassergerät; „Pampero“ nennt sich dieser Typ. Der Wagen ist zusätzlich noch mit Klimaanlage ausgerüstet. Die Miete mit Frühbucherrabatt und bei 30%iger Anzahlung im März (Reise erst Ende Oktober) beträgt 51,- Euro pro Tag ohne Kilometer (plus 20 Eurocent pro Kilometer, also 91,- Euro mit 200 Freikilometern), VIP-Versicherung (bei 850,- Euro Selbstbehalt) inclusive, Zollpapieren für den Grenzübertritt nach Chile, 24-Stunden Roadservice und Komplettausstattung, was Wäsche und Küche betrifft. Alles scheint in Ordnung, wir buchen und zahlen.

Schotterstraßen führen durch die Weiten der Pampas
Schotterstraßen führen durch die Weiten der Pampas © Foto: Achim Kostrzewa

Ende Oktober geht es erwartungsfroh los. Wir glauben gut auf alles vorbereitet zu sein, denn wir haben uns bei zahlreichen Reisebekannten informiert und die Reiseliteratur studiert. Müde fallen wir nach 34 Stunden Abfahrt von unserer Haustür am Eifelrand in Trelew aus dem Flieger. Am nächsten Morgen soll unser Abenteuer beginnen. Noch am Abend klingelt das Telefon in unserem Hotelzimmer: Das Auto muß repariert werden, der Wassertank „ la bomba“ ist kaputt. Wir könnten erst am nächsten Morgen um 12 Uhr statt um 8 Uhr unser Wohnmobil für die nächsten drei Wochen übernehmen. Na gut, so was kennen wir schon. Das passiert bei den Großen der Welt auch!

Wir verbringen einen anregenden Morgen im wirklich sehenswerten Paläontologischen Museum in Trelew. Mittags steht der Pampero dann tatsächlich einigermaßen sauber vor unserem Hotel. Wenn das ein neuer Camper ist, dann hätten wir auch unseren betagten VW LT 31 D mitbringen können. Doch die Papiere weisen die Zulassung zum Dezember 2003 aus. Der Tacho zeigt 9.082 km. In Ermangelung eines Büros – wir erfahren so nebenbei, dass die Station in Trelew nur über drei Autos verfügt – erfolgen zu unserer Verwunderung die Einweisung und die schriftlichen Formalien vor einem Supermarkt. Wir wundern uns weiter: von Kühlschrank keine Spur. Stattdessen gibt es eine autostrombetriebene amerikanische IGLOO-Kühlbox . Ein richtiger Stromfresser. Angeblich soll sie über Nacht an der zweiten Autobatterie angeschlossen laufen können. Doch die Bedienungsanleitung zeigt uns später, daß dies nur für zwei Stunden reicht. Frische Fleischvorräte können daher nicht für ein paar Tage gekauft werden. Eigentlich wollten wir abseits von bewohnten Orten in verschiedenen Pinguinkolonien jeweils ein paar Tage ausharren, fotografieren, am Strand argentinische Steaks grillen, es uns richtig gutgehen lassen. Die Küche besteht ferner aus nur einem einflammigen Gaskocher und einem Spülbecken, welches das Wasser nicht hält. Dafür gibt es eine nicht ins Becken passende Spülschüssel. In der Naßzelle thront ein amerikanisches Spül-WC auf seinem Unterflur-Abwassertank, prima. Sonst kann man die Puppenstube vergessen, aber das ist bei kleinen Wohnmobilen normal. In vier dicken Lampen brennen trübe 12 Volt Autobirnen, denn die zweite Autobatterie ist hin. 8-9 Volt zeigt mein Taschenvoltmeter. Klar, wenn man diese Kühlbox an die zweite Autobatterie hängt, geht diese schnell in die Knie.

Überhaupt, die zweite Autobatterie versteckt sich unter dem Fahrersitz. Um diese von der Motorbatterie zu trennen, gibt es weder ein Trennrelais oder einen Trennschalter, sondern man muß eine dicke Schraube rausdrehen, um die Kontakte manuell zu trennen. Wir lernen, dies ist fortgeschrittene Technik a la Argentina. Die Wichtigkeit der Trennung wird vom Vermieter eindringlich betont. Klar, sonst zieht die Kühlbox beide Batterien leer. Meine Frau klebt daher einen großen Zettel aufs Handschuhfach. „Trennschalter, Batterie/Kühlbox!!!“ steht da unübersehbar drauf. Man will ja auf den schönen, einsamen Küstenstrecken keine Überraschung erleben, dass der Wagen nicht mehr anspringt.

Ein Blick auf den Motor zeigt: Das Auto scheint wirklich relativ neu zu sein, obwohl alle Türen nicht einwandfrei schließen, sondern schon im Rahmen hängen und die Türgummis im Fahrtwind ihr trauriges Lied pfeifen. Aber wir sind flexibel und planen stante pede um. Eigentlich wollten wir auf dieser Reise an der Ostküste bleiben, um vornehmlich Tiere zu beobachten. In einer zweiten längeren Reise planten wir dann die Nationalparks der Anden zu erkunden. Da die Station in Trelew aber nur über diesen einen „Pampero“ und zwei größere „Jumbos“ verfügt, die aber einen großen Überhang hinter der Achse aufweisen und daher für die Gebirgsschotterstraßen von vorne herein als ungeeignet erscheinen, konnten wir uns ausrechnen, dass wir den gleichen Wagen mit weit mehr Kilometern ein Jahr später wieder erhalten würden. Unsere Ziele sollten daher die Valdes-Halbinsel, Punta Tombo und Camarones mit ihren Magellanpinguin-Kolonien, Puerto Deseado, die versteinerten Bäume von Ormachea und Jaramillo, die andinen Parks Torres del Paine in Chile, das Weltkulturerbe des Perito Moreno Gletscher und der Fitz Roy sein und dann wieder zurück nach Trelew. Bei den langen Fahrtstrecken würden die Steaks in der Kühlbox doch noch frisch bleiben.

Zunächst machen wir uns auf zur Valdes-Halbinsel. Die Sonne strahlt, so wie wir. Ab Puerto Piramides ist alles Schotter. Die felsige Küstenlandschaft ist eindrucksvoll. Doch die Tourbusunternehmen haben einen immer größeren Einfluß erhalten. Seit diesem Jahr (2004) darf man mit dem Camper außer auf den wenigen offiziellen Parkplätzen nirgends mehr stehenbleiben und keinesfalls mehr übernachten. An die See-Elefanten und Mähnenrobbe kommt man nur noch auf minimal 50 m, wenn man sich einer offiziellen Tour anschließen kann, um bis auf die tiefer gelegenen Aussichtsterrassen zu kommen. Abends muß man dann die 100 – 200 km Schotterstrecke zurück zum einzigen Campingplatz nach Puerto Piramides.

Abends auf dem Campingplatz ist dann erst einmal entstauben angesagt. Von Alaska waren wir Schotterstraßen gewöhnt. Aber hier hatten wir die Sahara eingefangen. Der Klo scheint unter einem Sandhaufen zu liegen. Alle Möbel sind mit einer Zentimeter dicken Sandschicht belegt. Schnell haben wir den Verursacher ausgemacht. Die hintere Tür hat einen so breiten Schlitz, daß der Staub dort ohne Probleme hineinweht. Der Wasserhahn dröppelt müde trotz röhrender Pumpe und spuckt Wasser mit Sand im Gemisch 10:1 aus. Komisch, vorher war das Wasser sauber gewesen. Nach einer Stunde wüsten Putzens können wir es uns in unserem Schneckenhaus wieder bequem machen. Die Kühlbox bringt es erst einmal. Wir trösten uns mit herrlich schmeckenden Steaks und kalten Drinks.

Fluke eines Südlichen Glattwales in der Bucht von Puerto Piramides  © Foto: Achim Kostrzewa Am nächsten Tag entscheiden wir uns in Puerto Piramides für eine Whale-watching-Tour mit einem kleinen Boot. Die Bucht Golfo Nuevo vor Puerto Piramides ist die Wochenstube der Südkaper bzw. der Südlichen Glattwale. Im Juli/August gebären die Mutter in diesen warmen Gewässern jeweils ein Junges, um im Dezember nach Süden ins Südpolarmeer, in ihr Nahrungsgebiet, zu ziehen. Wenn dort im März/April die Herbststürme einsetzen, kehren sie auf dem Rückweg in wärmere Gefilde bis zu den Küsten der Valdez-Halbinsel zurück. Auf der gut einstündigen Tour bekommen wir mehrere Muttertiere zu sehen. Die Glattwale sind etwa 14m lang. Auffällig ist der eigentümliche Kopf mit hellen, hornigen Hautwucherungen, die zusätzlich mit Seepocken besetzt sind. Das Baby schwimmt oftmals auf dem Rücken der Mutter und schaut mit seinem Kopf aus dem Wasser heraus. Ein Wal zeigt immer wieder seine imposante Fluke (Schwanzflosse), von der ganze Wasserströme hinunter perlen. Wir sind restlos begeistert. Die Sonne scheint, auf dem Campingplatz gibt es Wasser und Duschen, nur in der Kühlbox herrscht dicke Luft, denn heute sind wir keinen Kilometer gefahren.

Bäuchlings liegt man zum Fotographieren auf den Planken des Weges
Bäuchlings liegt man zum Fotographieren auf den Planken des Weges.
Niemand stört einen in Camarones und die Pinguine störts auch nicht. © Foto: Renate Kostrzewa

Am nächsten Tag machen wir uns auf nach Camarones zum Cabo dos Bahias zu einer Magellanpinguin-Kolonie. Dieses Gebiet ist noch ein Geheimtip. Die Tourbusse fahren alle nach Punta Tombo, der größten Pinguinkolonie des Landes. Camarones hat den Vorteil, daß wir erst einmal eine lange Asphaltstrecke fahren können. In dem kleinen Fischerort, der berühmt für sein Lachsfest ist, bekommen wir im einzigen „Tante Emma Laden“ am Hafen eine Kartusche Silikon mit Spritze, um vor unserer nächsten Schotterfahrt das Auto etwas abzudichten. Denn von Camarones geht eine 30 km Schotterstraße entlang einer herrlichen Küstenlandschaft zu einer Pinguinkolonie, wo wir zwei Tage praktisch keiner Menschenseele begegnen.

Kurze Teambesprechung: was machen wir mit dem Typ da auf unserem Plankenweg? Der beobachtet uns! Foto: © Achim KostrzewaEin Holzsteg führt mitten durch die Kolonie. Neugierig beäugen uns die Pinguine und knabbern auch einmal an unseren Schuhen. Ende Oktober haben einige schon Eier, andere suchen noch einen Partner, wobei sie den Kopf in den Nacken überstrecken und laut rufen. Graufüchse und Skuas schauen nach Freßbarem. Nachmittags haben wir auch Glück und sehen das Pichi, ein Gürteltier, das jeden Bau der Pinguine untersucht, ob es nicht ein Ei stibitzen kann. Doch wird es von den aufmerksamen Pinguinen mit dem spitzen Schnabel wieder verjagt. Relaxt und voll eindrucksvoller Erlebnisse machen wir uns zwei Tage später zu unserem nächsten Ziel auf den Weg nach Puerto Deseado.

Eine Strecke von über 600 km Asphalt liegt vor uns. Früh machen wir uns auf, denn allein für die ersten 30 km Schotterstrecke braucht man eine gute Stunde. Nachmittags um 17 Uhr ist unsere Fahrt dann erst einmal abrupt und mit lautem Knall beendet. Mitten in der Stadt Caleta Olivia fällt unserem Motor - praktischerweise direkt vor einer großen Tankstelle - ein Zacken aus der Krone, bzw. der Kühlkompressor so einfach unter die Ölwanne. Glückerweise waren wir vor einer Ampel gerade einmal nur 20 km/h schnell. Der Kompressor bleibt an seinen Schläuchen hängend unter dem Motor liegen. Der Keilriemen allerdings ist hin. Die Aufhängung der Pumpe ist mitten durchgebrochen. Was tun?! An der Tanke ist glücklicherweise eine Werkstatt angeschlossen. Die bauen alles aus und rufen den Vermieter an. Zunächst läßt er sich verleumden, aber nach massivem Drängen kommt er doch Minuten später ans Telefon, bespricht alles mit dem Meister und autorisiert die Reparatur. Nach dem Ausbau fahre ich mit zum Schweißen in eine Schlosserei. Mit drei ineinanderliegenden Nähten wird das Teil äußerlich perfekt repariert, die Naht geflext und auch die Schraubenlöcher werden sauber nachgebohrt. Der Wassertank bekommt ebenfalls eine neue Schlauchschelle. Aber von unten auf der Bühne zeigt sich auch die ganze Malaise. Die beiden Wassertanks bestehen aus Fieberglas und liegen völlig ungeschützt. Alle Schläuche bestehen entweder aus steifem PVC oder billigem Gartenschlauch. Schlauchschellen sind eher selten. Kabelverbinder, also Plastikstreifen, mit denen man Elektrokabel bündelt, erfüllen diesen Zweck mehr schlecht als recht. So verfügen wir die meiste Zeit über kein fließendes Wasser. Lästig, aber damit kann man sich noch arrangieren.

Nach drei Stunden ist die Reparatur abgeschlossen. Arbeitszeit und Ersatzteil kosten zusammen 90 Pesos, ca. 30,- Euro. Wir atmen durch und um 20 Uhr sind wir wieder flott. Gott sei Dank waren wir nirgends in der „Pampa“ und mußten lange auf Hilfe und dann auf einen Abschleppdienst warten. Wir hatten noch einmal Glück im Unglück gehabt. Unser Ziel Puerto Deseado erreichen wir allerdings erst mit einem Tag Verspätung.

So schön ist campen an Patagoniens Ostküste bei Puerto Deseado
So schön ist campen an Patagoniens Ostküste bei Puerto Deseado, der Campingplatz ist zwar noch geschlossen, aber wir haben jede Menge Platz für uns allein. © Foto: Achim Kostrzewa

Hier unternehmen wir mit Darwin Expeditions (www.darwin-expeditions.com, sehr empfehlenswert) eine tolle dreistündige Schlauchboottour durch die Ria. Eine Delphinschule spielt neben dem Boot. Sie wechseln von einer zur anderen Seite und bleiben uns eine zeitlang treu. An Felsklippen bekommen wir Bunt- und Felsenscharben zu sehen. Auf einer Insel ruhen mächtige Mähnenrobben-Männchen mit ihren Weibchen. Javier fährt das Schlauchboot so nah heran, daß uns schöne Fotos gelingen. Auf einer flachen Insel mit Magellanpinguinen und Dominikanermöwen wird eine Rast mit dem obligaten Mate Tee gemacht. Wir genießen die Natur und das herrliche Wetter. Abends gab es noch einen tollen Sonnenuntergang.

Mähnenrobben vom Boot aus betrachtet
Mähnenrobben vom Boot aus betrachtet, hier kommt man bis auf 10 Meter an die Tiere ran, viel besser als auf der Valdez Halbinsel. Foto: © Achim Kostrzewa

Die versteinerten Bäume von Jaramillo wollen wir uns für den Rückweg aufheben. Vor uns liegt die Durchquerung der patagonischen Schichtstufenlandschaft auf einer allein über 200 km langen Schotterstraße. Schließlich erreichen wir Calafate, eine rasch wachsende Stadt mit großer Bautätigkeit am Lago Argentino, das Tor zum Perito Moreno. Bis auf die letzten 30 km ist jetzt alles asphaltiert. Schon vom Parkplatz beeindruckt der gewaltige Gletscher. Mehrere Aussichtsterrassen lassen verschiedene Blickwinkel auf den Gletscher zu. Umgeben von einer üppig grün belaubten Landschaft mit den roten Farbklecksen des Feuerbusches erstrahlt das Blauweiß des Perito Moreno mit seinen tiefen Spalten. In der imposanten Gletscherwand klirrt und knackt es. Immer wieder brechen kleinere bis größere Eisstücke ab. Eine Eiszinne steht schon so schief, daß wir uns fragen, wird sie abbrechen?! Wir genießen die Aussicht, setzen uns auf eine der Bänke und entspannen uns. Die Landschaft fasziniert und tatsächlich, plötzlich hören wir lautes Krachen und im Zeitlupentempo fällt ganz allmählich der Eisturm ins Wasser und erzeugt eine kleine Flutwelle.

Endlich liegt der Perito Moreno Gletscher vor uns
Endlich liegt der Perito Moreno Gletscher vor uns. Foto: © Achim Kostrzewa

Am nächsten Tag ist es mit der Urlaubsstimmung wieder vorbei. Plötzlich bricht nach 1.000 km die Halterung der Kompressorpumpe erneut. 12 km schlechte Schotterstraße liegen noch vor uns und dann noch etwa 50 km bis Calafate. Wir halten ein paar Autos an. Doch keiner kann uns mit Werkzeug aushelfen. In einem Mietwagen hat man erst recht kein Werkzeug. Da fällt mir in der Not unsere Wäscheleine ein. Langsamst über die vielen Schlaglöcher humpelnd mit der Pumpe an der Wäscheleine hängend, erreichen wir nach ermüdenden 6 Stunden die Werkstatt in Calafate. Nach Autorisierung durch den Vermieter wird die Pumpe nun endgültig ausgebaut. Sie ist so schwer, daß die Aufhängung einfach zu schwach ist. Im Frühjahr ist eine Klimaanlage sowieso noch nicht erforderlich. Der Wassertank wird ein zweites Mal repariert, jetzt ziemlich professionell mit Flicken aus Glasfiebermatten und Kunstharz. Das hält genau vier Tage, dann ist endgültig Schluß mit fließend Wasser. Einer der steifen PVC-Schläuche bricht seinen Stutzen einfach aus dem Tank heraus. Aber wir haben uns bereits an die Flaschenwirtschaft gewöhnt. Doch das dicke Ende kommt noch.

Schon wieder war ein ganzer Tag durch die Schleichfahrt und die mehrstündige Reparatur verloren, doch wir haben noch Zeit für die Torres del Paine. Dieser Nationalpark gehörte schon lange zu unseren Wunschzielen. 320 km liegen vor uns. Die Entfernungen in Argentinien sind groß. Am kleinen Grenzübergang Cancha Carrera nach Chile stehen schon Warteschlangen. Jedes Auto wird überprüft. Eine Stunde müssen wir warten. Wir glauben, alle Papiere dabei zu haben, wie uns der Vermieter noch vor Abfahrt versichert hatte. Wir legen die Wagenpapiere vor, das vom Notar unterschriebene Dokument mit unserem Namen, aber wir werden aufgeklärt, daß die Zollerklärung fehlt. Die ist für das Abstempeln bei Aus- und Einreise auch noch erforderlich. Irgerndwo muß der Zöllner ja doch seinen schönen Gummistempel draufhauen können ... nicht wahr? Trotz unseres Flehens, daß wir nur zwei Tage in den nur noch 70 km entfernten Torres wollen und dann wieder zurück müssen, half nichts. Ein Anruf beim Vermieter nützt nichts, denn so etwas wie Fax besitzt die kleine Station nicht. Bei herrlichstem Sonnenschein mit Blick auf die Rückseite der Zinnen der Torres müssen wir wieder umkehren. Die Enttäuschung ist unendlich groß. Der Vermieter hatte einfach vergessen uns das Papier auszuhändigen, was natürlich schnell passiert, wenn man keinen Schreibtisch, oder wenigstens einen Ordner mit allen Papieren hat, sondern loseblattmäßig alles im Fond des Autos erledigen muß. Nun müssen wir die 320 km unverrichteter Dinge wieder zurück, wieder 1,5 Tage perdu. So weit nach Argentinien geflogen, fast am Ziel unserer schon lange gehegten Träume und dann dies!

Der Fitz Roy. © Foto: Achim Kostrzewa Um doch noch ein Highlight der Anden zu erleben, fahren wir zum markanten Fitz Roy (3.375 m), eine Strecke von 220 km Schotter von Calafate über die berühmte Ruta 40 nach Norden. Zwei Tage wollen wir diese Gebirgsregion nach der vorangegangenen Enttäuschung genießen. Das Fitz Roy Massiv präsentiert sich prächtig. Für die Jahreszeit ist es mit über 20 °C sehr warm. Der Berg leuchtet in der Abendsonne und von zwei Schweizer-Fotokollegen erfahren wir, daß der Berg bereits vor 6:00 Uhr morgens rot erglüht. Vom freien Campingplatz am Ortseingang (fließend Wasser im Fluß und Plumpsklo im Gebüsch) haben wir einen exzellenten Blick und stellen den Wecker. Am ersten Morgen ist er leider wolkenverhangen, am zweiten Morgen scheint uns ähnliches bevorzustehen. Doch plötzlich reißt der Wolkenvorhang auf und der Fitz Roy glüht in tiefem Rot der aufgehenden Sonne.

Wir machen Wanderungen durch alte Südbuchenwälder bis ins Gebirge und sind wieder ein bißchen versöhnt mit der Landschaft und der Natur. Doch das sollte nicht lange währen. Freitag Abend machen wir alles reisefertig, tanken und wollen nochmals das Öl kontrollieren, das wir regelmäßig überprüfen und auch nachfüllen lassen. - Das ist wirklich wichtig! Das macht man schließlich beim eigenen Auto auch und wenn der Motor wirklich kaputt geht, schauen alle Vermieter zunächst nach dem Ölstand. Wir kennen das schon. In Neuseeland riß uns einmal der Zahnriemen, der die Nockenwelle steuert, Totalschaden. Doch am übernächsten Morgen um 8:00 Uhr hatten wir schon ein neues Auto und kulant wurde uns ein Tag Miete rückerstattet.

An der Tankstelle in Fitz Roy trifft uns nun fast der Schlag. Der Motor schwimmt im Öl. Der Deckel für den Öleinfüllstutzen fehlt. Einfach weg! Was nun?? An eine Weiterfahrt ist nicht zu denken. Gefangen in dem kleinen Bergdorf El Chalten, 220 schlechte Schotterstraßenkilometer voller Baustellen von El Calafate - also der nächsten möglichen Werkstatt – entfernt, aber Fiat gibt es da auch nicht, also auch keine original Fiat-Ersatzteile. Der Vermieter reagiert am Telefon völlig unkooperativ und genervt. Erst nach einiger Zeit wird ihm klar, daß wir in knapp einer Woche ins über 1600 km entfernt liegende Trelew unseren Rückflug erreichen müssen und er sein Auto in Trelew zum weitervermieten braucht. Er verspricht einen Ersatzdeckel nach El Calafate zu schicken, den sollte ich dann dort abholen. Das hätte bedeutet: 5 Stunden Busfahrt hin, übernachten und 5 Stunden Busfahrt zurück. Alles erst einmal auf eigene Kosten versteht sich. Das ganze Dorf kennt zwischenzeitlich unsere Misere. Der Polizeichef höchstpersönlich fährt nochmals alle Strecken innerhalb des Dorfes ab, um den Deckel zu suchen, denn weitab können wir ihn nicht verloren haben. Doch es findet sich nichts. Schließlich hilft er uns, eine Art Notstopfen zu basteln, so daß wir wenigstens für ein paar Kilometer zwischen Campingplatz und Dorf mobil sind. Schließlich folgt der Vermieter sogar meinem Vorschlag, den Deckel einem Busfahrer mitzugeben, der das Paket dann bei der Polizei abliefern soll. Erst heißt es abends um 19 Uhr, dann sollte der Deckel am Sonntag um 23 Uhr bei der Polizei eintreffen. Wir stehen vor der Station, die Zeit verstreicht. Schließlich ist es ein Uhr nachts, nichts. Wir schlafen schlecht. Die einzige Hoffnung besteht noch darin, morgens um 6 Uhr den Busfahrer vor seiner Abfahrt zu sprechen. Dieser ist äußerst mürrisch und wirft mir nur den Namen der Jugendherberge an den Kopf. Ich stiefele dort hin. Erst einmal weiß man von nichts, schließlich findet man das Päckchen. Der Vermieter hatte nur unseren Namen und El Chalten draufgeschrieben, anstatt auch noch Polizeistation. Wir hatten uns schon nach einem Flug von El Calafate nach Trelew erkundigt. Aber wie sollten wir alle Sachen ohne Koffer im Flieger transportieren? Diese waren ja beim Vermieter geblieben, schließlich war dafür im Pampero kein Platz mehr.

Schließlich können wir den einfachen Plastikdeckel ohne Sicherheitsverschluß auf den Motor drehen und die Rückfahrt antreten. Sie verläuft auf den asphaltierten Straßen nunmehr problemlos. Viel konnte ja auch nicht mehr kaputt gehen, nur eine Reifenpanne hätte uns noch gefehlt. Vorsichtshalber kontrollieren wir alle 100 km, ob der Deckel noch festsitzt. Einmal hatte er sich wieder eine Umdrehung von selbst gelockert. Die Vibrationen der schlechten Straßen reichten dazu offenbar aus.

Die versteinerten Bäume von Jaramillo Foto: © Achim KostrzewaDie versteinerten Bäume von Jaramillo schaffen wir noch - hier liegen Baumriesen von bis zu 30 Metern Länge in der Landschaft. Doch dienstags die Bootstour zu Felsenpinguinen, die nur an bestimmten Tagen stattfinden kann, verpassen wir. Das sollte an sich ein Highlight unserer Reise werden, weil man Felsenpinguine sonst nur noch auf den Falkland Inseln beobachten kann. Da war ich zuletzt im Januar 1996. Einen Tag ruhen wir uns nach der ganzen Aufregung noch in Camarones aus, sehen die ersten Pinguinküken für dieses Jahr, dann müssen wir nach Trelew zurück.

Magellanpinguin mit den ersten Jungen der Kolonie. Irgendwie erinnert mich das an unseren Vermieter - mault rum und guckt beleidigtDer Vermieter setzt eine beleidigte Miene auf, entschuldigt sich nicht für das fehlende Grenzpapier. Er „erläßt“ uns lediglich 1200 km zu viel gefahrene Kilometer. Für die fünf Tage, die uns praktisch voll ausgefallen sind, bietet er unverschämterweise einen Voucher für vier Wohnmobiltage. Nicht mal das unnötig verfahrene Benzin nach Torres will er erstatten. Von Kulanz keine Rede.


Fazit:
Argentinien ist ein tolles Land mit herrlicher Landschaft und interessanter Tierwelt, doch kein Land, um mit den dortigen „Wohnmobilen“ zu reisen. Man nimmt zwar internationale Preise, doch der Service und Standart läßt mehr als zu wünschen übrig. Wenn der Motor oder das Getriebe bei einem etwas älteren Auto verreckt wäre, hätte gar kein anderes gestellt werden können. Dann steht man da und muß sehen, wie man seinen Rückflug erreicht oder was man auf eigene Kosten mit seinem Resturlaub anfängt. Perfiderweise schließt der Anbieter Gaibu Rückerstattungen bei Abbruch der Reise gleich ganz aus. Also wenn sie erstmal das Geld haben, besteht am Kunden keinerlei Interesse mehr, denn man weiss wohl, der Kunde bucht nur zweimal: Zum ersten und zum letzten Mal.

Ein Grazer Mercedesingenieur, der mit seinem Unimog in Camarones am Strand stand, besah unser Auto und meinte trocken: “da könnt ihr im Paketdienst in Deutschland mit rumfahren, für die Straßen hier ist das selbstragende Fahrwerk und alles andere auch viel zu schwach ausgelegt.“ - Also wird sich der nächste Kunde wieder freuen können.

Auf unserer Reise haben wir auch erfahren, daß wir keineswegs die einzigen Pechvögel waren. Wir trafen auch Leidensgenossen, die bei der gleichen Firma ab Buenos Aires gemietet hatten und eine Familie, die sogar die teure Einwegsmiete gezahlt hatte und den Wagen in Rio Gallego abgeben wollte. Alle waren höchst verärgert, berichteten ebenfalls von multiplen Pannen, viel Zeitverlust und unkooperative Telefongesprächspartnern der GAIBU-Stationen. Alle drei Autos hatten Löcher, Risse oder andere Schäden im Wassertank. Zwei hatten sogar gravierende Schäden am Motor oder Getriebe.

Zwischenzeitlich haben wir sogar gehört, daß große schweizer Reisebüros ihren Kunden ausdrücklich von GAIBU abraten. Hier in Deutschland stellen sich die „Vermittler“ Vogel in Süddeutschland (www.flyer-de.de) oder Reisebüro Kappner im Rheinland (wie unsere Reisebekanntschaft aus Süddeutschland feststellte) ebenfalls stur und verweisen auf GAIBU in Argentinien.

© Text und Fotos: Dr.rer.nat. Achim Kostrzewa,
Postfach 1209, D-53904 Zülpich
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akostrzewa


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