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Bis ans Ende der Träume - Auf dem Landweg nach Indien
08.11.2004 - 21:46


Für die Erfüllung ihres Traumes geben sie in Deutschland alles auf. Türkei, Iran, Pakistan, Indien - im selbst ausgebauten Wohnmobil. Ein ungeplantes Ereignis, die Geburt ihrer Tochter Pooja, führt sie in weitere Regionen Asiens.

Basierend auf ihrem Reisetagebuch beschreiben die beiden Journalisten ihr zweijähriges Abenteuer. Sie erzählen von Herausforderungen, die über ihre Leistungsgrenze hinausgehen, von Einsamkeit, Ängsten und Selbstzweifeln. Von Freiheit, Träumen und von dem, was jenseits ihrer Vorstellung war. 


Leseprobe:


Mit Sonnenaufgang brechen wir auf. Wir verlassen die schützende Mauer unserer Zuflucht in Pakistan und fahren durch die Toreinfahrt des staatlichen Motels, wo wir die letzten Tage Kraft geschöpft haben. Vor uns liegt die letzte Etappe bis zur indischen Grenze. Vier Tage haben wir bis Lahore angesetzt. Ob diese Schätzung realistisch ist, wissen wir nicht.

Erst langsam lichten sich die Schwaden des Frühnebels. Wir biegen mit unserem Lkw auf die mit Schlaglöchern übersäte Straße, die nicht nur wegen der zeitigen Stunde menschenleer ist. Es ist eine einsame Gegend. Mitte Oktober hat es nach dem trockenen Sommer noch nicht geregnet. Die Natur ist steinig karg. Jenseits der unbefestigten Fahrbahn geht es steil bergab.

Plötzlich steht ein junger Mann auf der Straße, bärtig, mit Turban und in der traditionellen Kleidung, dem shalwar qamiz. Er wirkt benommen und hält seine Hand an eine offensichtlich schmerzende Stelle am Kopf. Jetzt sehen wir auch den weinroten Kleinbus. Er liegt auf der Seite im ausgetrockneten Flussbett rund zehn Meter unterhalb der Straße. Augenscheinlich hat es einen Unfall gegeben. Wir sollen helfen, halten an, und Carsten steigt aus.

Ich beobachte die folgende Szene nur über den Seitenspiegel der Fahrerseite: Carsten und der Fremde stehen am Abgrund, der Pakistani deutet immer wieder zur Unfallstelle. Die Verständigung - wie hier in ländlichen Gegenden - erfolgt fast ausnahmslos über Zeichensprache, da wir ebenso wenig Urdu oder Baluchi verstehen, wie die Einheimischen mit Englisch vertraut sind. Der Mann versucht, Carsten zu bewegen hinabzuklettern, was dieser kopfschüttelnd verweigert. Doch der Pakistani bleibt hartnäckig. Was will er da unten? Sind dort noch mehr Verletzte? An dem Kleinbus bewegt sich nichts. Es scheint keine weiteren Beteiligten zu geben.

Ich habe kein gutes Gefühl. Irgend etwas stimmt nicht. Ich weiß nicht genau, was es ist, aber plötzlich erscheint mir der Mann gar nicht mehr so verletzt. Es ist geradezu unheimlich still. Angst steigt in mir auf. Ist dies ein Überfall? Hin- und hergerissen, zwischen dem Wunsch helfen zu wollen und der Vermutung, in eine Falle gelockt worden zu sein, überlege ich krampfhaft, was ich tun soll. Aussteigen? Ich drehe das Fenster herunter, verfluche das alte Auto, weil der Knopf für die Fensterkurbel fehlt und alles nur in Zeitlupe abläuft. Endlich - der Spalt ist breit genug, ich alarmiere Carsten mit einem schrillen Ruf und hingegen meiner Befürchtung, er würde nicht gleich kommen, setzt er sich sofort in Bewegung. Ich starte den Wagen, klettere wieder auf die Beifahrerseite, während Carsten in die Fahrerkabine springt und losfährt.

Sekunden später schauen wir uns an und spüren die Angst des Anderen. Wir erinnern uns an die ausdrücklichen Warnungen im Reiseführer, dieser Teil der Strecke sei - wenn überhaupt - nur mit Militär-Eskorte und vorheriger Zustimmung der örtlichen Behörden zu passieren. Wir hatten nichts von beidem, dafür wohl die nötige Portion Glück auf der in den 70er Jahren als „Robberroad" berühmt gewordenen Strecke.

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Gernot


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