Reiseberichte » Mit Gerhard um die Welt
09. Reisebericht - Alaska und ein bisschen mehr
01.10.2004 - 13:55

An alle interessierten Freunde,

nun bin ich ziemlich genau ein Jahr unterwegs. Mir geht es immer noch gut, mein Speicher für Erlebnisse und Abenteuer hat noch leere Zellen. Was ich besonders schätze ist, ohne Terminkalender zu leben und jederzeit spontane Entscheidungen treffen zu können. Noch zieht es mich nicht nach D zurück. Die vielen Begegnungen in allen bereisten Ländern haben mir Alternativen im Sinne von Toleranz und Hilfsbereitschaft aufgezeigt. Unterschätzt habe ich den täglichen Aufwand an vielschichtiger Organisation. Das ist der tägliche Nahrungsmitteleinkauf, die lfd. vorbeugende Wartung für das Auto samt Aufbau, die Festlegung der Streckenführung, die Verwaltung der digitalen Fotos (derzeit ca. 5.000) sowie Aufenthalte in Internet Cafes, die Vereinbarung und Abstimmung der Versicherungspolicen, die Beschaffung von Containerkapazitäten und Tickets zur Überwindung von Seestrecken (derzeit nach Australien). Überschätzt habe ich den Bedarf an Kleidung. Zwei Hosen, zwei Hemden und drei Unterhosen reichen. Gewaschen wird in Laundries, die überall zugegen sind.

Der Einsatz an finanziellen Mitteln, unter Berücksichtigung aller Kostenarten, liegt Stand heute unter dem üblichen Aufwand in D. Hier haben natürlich die günstigen Preise in Südamerika und die fast ausschließlichen Übernachtungen im Aufbau einen Anteil. Die Kosten in Kanada liegen etwa 30% unter D Niveau. In USA sind die Preise vergleichbar. Die Verschiffung des Toyotas nach Australien wird zu Buche schlagen.

Bildergallerie: Impressionen von Gerhards ReiseIch werde immer wieder nach kritischen Situationen gefragt. Natürlich hat es die gegeben und wird es noch weitere geben. Das gehört zu so einer Reise. Unterm Strich haben die positiven Erlebnisse ganz klar den Löwenanteil.

Das Jahr ist schnell vergangen, und jeden Tag habe ich hinzugelernt. So auch im Umgang mit Dokumenten. Mit Hilfe von Adobe Photoshop kann ich jetzt die Bilder mit vertretbarem Speicherauf-wand und Sicherung von Mindestqualität im Text integrieren. Wer dennoch an einer höheren Auflösung interessiert ist, bekommt auf Anfrage selbstverständlich die entsprechenden höherwertigen Kopien.

 

Aber jetzt zurück in den hohen Norden. Das Yukonterritorie sowie Alaska wurden in diesem Sommer von ca. 180 registrierten Waldbränden heimgesucht. Der Rauch war ätzend, die Sicht über Tage auf 300 m begrenzt, die Strassen nur im Konvoi befahrbar. Die riesigen unbewohnten Gebiete können nicht geschützt werden. Die Natur regelt sich selbst. Dennoch, die vielen Lichtblicke waren berauschend.

Das Motto Alaskas ’go north go future’ hat durchaus seine Bedeutung. Das war Gold und Kupfer und steht heute für Fisch, Öl, bewahren von Werten und viel Phantasie für die Zukunft.

Reiseroute

zur Bildergallerie: Reiseroute Yukon, Alaska und British ColumbiaDer Yukon wird bei Dawson City mittels Fähre passiert. Der anschließende ’Top of the World Highway’ führt über den nördlichsten Grenzübergang, Poker Creek, nach Tok. In Fairbanks über Coldfoot zum nördlichsten mit dem Auto erreichbaren Punkt Prudhoe Bay (Ölfelder), weit über den Polarkreis, N 69 Grad 33 W 148 Grad 36. Die Schwerpunkte im Süden waren McCarthy (Kennecott Mine), Valdez (Ende Pipeline) und Cordova (Kupferbahn). Wieder auf dem Alaska HW nach Haines Junction und in den Süden nach Skagway (Beginn Chilkoot Trail nach Dawson City). Nach Whitehorse zum Ölwechsel und in den Süden nach Vancouver.

Alaska, Land der Gletscher und Flüsse, hat ca. 625.000 Einwohner, davon 125.000 Natives, entspricht 4 mal der Fläche von D und ist kaum erschlossen. Das Land wurde 1942, initiiert durch den zweiten Weltkrieg, an das Straßennetz Kanadas angeschlossen. In nur acht Monaten wurde die Pioniertrasse von ca. 20.000 Soldaten realisiert. Heute besteht das Straßennetz aus einem kleinen Dreieck mit angeschlossenen, unbefestigten Sackgassen (nach Prudhoe Bay und McCarthy). Der große Rest gehört den Buschfliegern mit ihren kleinen Flugzeugen; oder, in Alaska sieht man mehr Flugzeuge als Vögel am Himmel.

Die Oberflächenform ist am besten mit einer riesigen Halfpipe zu vergleichen. In der Mitte fließt der Yukon aus Kanada kommend in die Beringsee. Im Norden erbebt sich die kalte Brooks Range bis auf 3.000 m. Im Süden baut sich die Alaska Range mit dem McKinley (6000m )auf.

Gold

Dawson City am Klondike ist heute noch der Inbegriff für den Goldrush um 1890. Ich fühle mich 100 Jahre zurück versetzt. Die Häuser sind im alten Stil liebevoll restauriert, die Straßen sind staubig, der Boardwalk für die Fußgänger, und am Bonanza Creek wird immer noch Gold gewaschen. Ich durfte mich auch versuchen und habe etwas Goldstaub gefunden. Hier haben 1898 mehr als 20.000 Menschen gelebt, heute ca. 500. Eine Straßenanbindung gibt es erst seit 1950. Damals haben in einem Winter 30.000 sogenannte ’Stampeders’ mit den vorgeschriebenen 1000 kg Aus-rüstung 60 km zu Fuß über den berüchtigten Chilkoot Trail das Material getragen, und dann ging’s ca. 600 km in selbstgebauten Booten und Flössen den Yukon nach Dawson City weiter. Die meisten kamen zu spät, die Claims waren abgesteckt. Enttäuscht und verzweifelt sind sie am Yukon entlang bis zu den Goldfeldern in Nome an der Beringsee weitergezogen. Zur Versorgung wurde u.a. Fairbanks gegründet. Auf einer breiten Trasse, beiderseits des Flusses, finden sich eiserne Zeugen aus der Zeit der Dampfmaschinentechnologie.

zur Bildergallerie: Goldwaschanlage von Larry Weisz in Coldfoot Diese tonnenschweren Ungetüme wurden im Winter von Pferdeschlitten über mehr als tausend km transportiert, auch nach Coldfoot nördlich des Polarkreises.

Die kanadische Firma Silverado hat hier die Goldsuche wieder aufgenommen. Die notwendigen Investitionen in Bagger, Radlader, Schüttelgerät, Pumpen, Lastwägen usw. wurden fremdfinanziert. Zu diesem Zweck hat die Firma Silverado Aktien am Markt mit entsprechenden Erfolgsaussichten platziert. Die Aktion wurden insbesondere über Internet (Internetmining) an den Mann gebracht. Wie schon in vielen anderen Fällen wurden wegen Missmanagement die versprochenen Gewinne nicht erwirtschaftet. Die Belegschaft wurde in 2004 von 35 auf 5 Mann reduziert. Und die Aktien können damit in den Wind geschossen werden.

Letztlich wurde Alaska und die angrenzenden Gebiete wegen des Goldvorkommens um die Jahrhundertwende von Weißen erschlossen.

Kupfer

Bei McCarthy, über dem Kennicott Gletscher, wurde Kupfer mit einem Reinheitsgrad von 90% gefunden. Die Kennicott Mine war damals die reichste und größte Kupfermine der Welt. Für den Abtransport wurde 1911 die Eisenbahnstrecke Cordova – McCarthy, durch 300 km wildes Gebirge und über reißende Flüsse gebaut. Die Erzladungen rollten bis 1938 zum Hafen von Cordova zur Verschiffung.

zur Bildergallerie: Ehemalige Kennicott Kupfermine bei McCarthyNur mit größtem Aufwand ließ sich die Bahntrasse instand halten. Um die Schienen im Winter schneefrei zu halten, wurden die größten Schneepflüge eingesetzt. Die Kennicott-Bergwerksgesellschaft hatte ein eigenes Kraftwerk, ein Krankenhaus, Läden, eine Schule und Wohnhäuser für die bis zu 550 Arbeiter und Ingenieure mit ihren Frauen und Kindern. Bars und ‚leichte Mädchen’ waren jedoch nur im sieben Kilometer entfernten McCarthy zu finden – um die Moral in Kennicott zu wahren, hatte die Bergwerksdirektion die ‚sündige Vorstadt’ gegründet. Die Erschließung großer und leicht zugänglicher Kupferlager in Chile, ein weltweiter Preisverfall und die Forderung nach höheren Löhnen, führten zu Schließung der Mine. Der letzte Zug verließ Kennicott im November 1938. Die Beschäftigten waren überzeugt, die Minen würden bald wieder geöffnet und nahmen deshalb nur das wichtigste mit. Sie irrten sich – zurück blieb eine Geisterstadt. Bis zur Schließung der Minen wurden in Kennicott Kupfer und Silber im Gesamtwert von rund 250 Mio. Dollar produziert – mit einem Nettogewinn von über 100 Mio. Dollar. Ehemalige Kennicott Kupfermine bei McCarthy

Hintergrundinformationen: Finanziert wurde die Bahn von Guggenheim und J.P. Morgan. Offiziell wurde die Bahn nie fertiggestellt, da in jedem Frühjahr nach der Schneeschmelze Brücken weggeschwemmt wurden. Das hatte gegenüber dem Fiskus den Vorteil, keine Steuern abführen zu müssen. Guggenheim hat parallel zu Kennicott in die chilenische Kupfermine Chucicamata investiert. Er konnte somit leicht auf die veränderte Situation reagieren. Chucicamata ist derzeit die Mine mit der größten Ausbringung an Kupfererz. Der letzte Kupfertransport war - bezeichnenderweise - für die deutsche Rüstungsindustrie bestimmt.

Öl

In den 60er Jahren wurden in Prudhoe Bay in der Küstenregion der Beaufort See Öllagerstätten von beträchtlichem Ausmaß gefunden. Um diese Vorkommen nutzen zu können, mussten mit den Inuits (Eskimos) und den First Nations (Indianer) milliardenschwere Abkommen zur Klärung von Gebietsansprüchen geschlossen werden. Heute wird es von Phillips 66 und British Petroleum exploriert und ausgebeutet, mit einem Fördervolumen von einer Million Barrel täglich. Zum Einsatz kommen neueste und umweltschonende Technologien, wie z.B. Horizontalbohrungen über 12 km und Hochdruck-pumpen zum Fördern des Öls. Die Menschen arbeiten im Winter bei Temperaturen bis minus 50 Grad C. Das ganze Umfeld wirkt fast klinisch sauber. Die vielen Karibus fühlen sich hier offensichtlich besonders wohl. Der Küstenbereich um Prudhoe Bay ist 9 Monate im Jahr zugefroren. Deshalb der Bau der 1800 km langen Pipeline bis nach Valdez im Süden, ein Balanceakt auf 100tausend Stelzen

zur Bildergallerie: Pipeline und HW nach Prudhoe Bay Wie ein silberner Faden zieht sich die Pipeline über Permafrostboden, Gebirge und über viele Flüsse. Durch den technisch hervorragenden Zustand und der Oberflächenform angepassten Trassenführung werden die Sinne nicht gestört. Nach dem Panama Kanal ist der Bau dieser Pipeline ein zweite herausragende Ingenieurleistung. Lt. Berichten und Aussagen, war Disziplin eine wichtigen Voraussetzung für das Gelingen beider Projekte.

Derzeit findet ein ernsthafter Streit über die weitere Ausbeutung von Lagerstätten im Umfeld von Prudhoe Bay statt. Für mich, der deutsche Verhältnisse gewohnt ist, ist dieser Streit unverständlich. Nur ein Zehntel % des Gebietes nördlich des Polarkreises ist infrastrukturell erschlossen, Tundra und nichts als Tundra. Wer wird hier vor wem geschützt?

Bewahren von Werten

zur Bildergallerie: Totempfähle auf Alert IslandAn der Westküste Alaskas und Kanadas wurde die Kunst, Totempfähle zu schnitzen, wieder entdeckt. Bis zu zwanzig Meter ragen diese Kunstwerke aus Zedernholz in den Himmel. Ursprünglich wurde damit der soziale Status von Indianerfamilien manifestiert. Heute, so scheint es mir, sind es Zeichen nach dem Motto ’wir sind wieder da’. Gemäß der Gruppierung der Stämme wird der Wolf, der Killerwal, der Bär, der Biber und der Rabe dargestellt. In fast jedem Indianerdorf gibt es einen ’Schnitzschuppen’ mit halbfertigen Pfählen.

Ca. 25% des Landes sind als Stateland definiert und somit vor dem Zugriff der Industrie geschützt. Das sind riesige Gebiete in der menschenleeren Tundrazone und entlang dem Yukon, total unerschlossen und nur mit dem Buschflieger erreichbar. Um diese Gebiete wird derzeit heftig gestritten, es werden Ölfelder und sonstige Rohstofflager vermutet. An eine Freigabe ist derzeit nicht zu denken. Die Regierung in Washington gibt sich wegen der Exxon Valdez Katastrophe sehr zurückhaltend. Dennoch liegt in diesen Gebieten die Zukunft Alaskas.

Das Fehlen von jeglichem Unrat entlang der Highways habe ich als wohltuend empfunden. Hinweise, das Land sauber zu halten und die Androhung von empfindlichen Strafen, haben offensichtlich Wirkung.

Bis zum nächsten Bericht, hoffentlich aus Australien
Gerhard



Gerhard


gedruckt am Heute, 06:54
http://www.discovery2010.net/php/include.php?path=content/content.php&contentid=150